Regioartline | Villö Huszai







Demiurgen-Würde und Netzkunst-Piraterie


Written in 2005 for Regioartline

Das allererste Panorama-Bild des Saturn-Mondes Titan stammte nicht von der ESA oder NASA, sondern vom Schweizer Künstler Christian Waldvogel. Das Titan-Bild ist eine Netzkunst-Piraterie, die mit Waldvogels grossem Projekt „Globus Cassus“ zusammenhängt.


Dass das erste Panorama-Bild des Titan von einem Privatmann hergestellt wurde, ist dem Kommunikationsmittel Netz geschuldet. Am Freitag, 14. Januar dieses Jahres, trat die Raumsonde Huygens in die Atmosphäre des Saturn-Mondes Titan ein. Unter dem Datenmaterial, das von Huygens auf die Erde gelangte, waren auch die rund 1000 ersten Nahaufnahmen des Mondes. Die an dem Raumfahrt-Projekt mitbeteiligte University of Arizona stellte die Daten für fünf Minuten irrtümlich ins Netz und damit unfreiwillig der Allgemeinheit zur Verfügung.

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Christian Waldvogels Panorama-Bild des Saturn-Mondes Titan.

Waldvogel spricht vom „wunderbar schnellen Reagieren der Internet-Gemeinde auf das Leck“, denn die fünf Minuten genügten einer kleinen Gruppe von Amateur-Astronomen, die Bilder zu kopieren. Waldvogel fand sie am Sonntagnachmittag im Netz und ging sogleich daran, aus den disparaten Einzelbildern ein Panorama zusammenzubauen: „Es war eine ganz kleine Gruppe von Leuten, die sich an die Puzzle-Arbeit machte. Für eine kurze Zeit verfügten wir über die besten Ortskenntnisse auf dem Titan, vielleicht noch die Mitarbeiter der ESA und NASA ausgenommen.“ Waldvogel schickte sein Bild auf die private Homepage des belgischen Biologen Anthony Liekens, der alle Bild-Kompositionen ins Netz stellte.

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Die Presse übernimmt das Bild.

Doch Waldvogels Panorama machte das Rennen: Es war schliesslich das erste Bild des Titan, das die Leser der London Times zu Gesicht bekamen.

Räuberpistole als Teil der Kunst

Die Times bezeichnete die Adhoc-Community, auf die Waldvogel gestossen war, als „amateur space enthusiasts“. Würde man nun aber Waldvogels Bild als Kunst auffassen wollen, wie liesse sich das Künstlerische daran fassen? In die junge Tradition der Netzkunst passte Waldvogels Bild gut, paradoxerweise freilich dabei zuerst einmal eher in jenen Strang der Netzkunst, der nicht bildorientiert ist. Für diesen Strang ist charakteristisch, dass das Künstlerische weniger in einem Endprodukt denn in einem Kommunikationsgeschehen liegt. Ja, der Nerv dieser Kunstform liegt oft in den abenteuerlichen Geschichten, die sich um einzelne Aktionen ranken. Waldvogels Bild, an einem Sonntagnachmittag in demiurgenhafter Einsamkeit und in Wettlauf mit der Zeit zusammengebaut, ist eine solche Geschichte, deren Bedeutungspotential und Charme sich durch die Betrachtung des Bildes nicht erschliesst. Doch Waldvogel, der von 1992 bis 1999 an der ETH Zürich Architektur studierte und sogar viele Jahre als Webdesigner und Programmierer arbeitete, bezeichnet sich nicht als Medien- und schon gar nicht als Netzkünstler. Seine Selbstbeschreibung lautet: Künstler, Architekt und Musiker.

Geplünderte Erde, götterfreier Himmel

Der Kunstcharakter von Waldvogels Hauptprojekt „Globus Cassus“ (cassus=hohl, leer) liegt offener zutage. Anstelle eines nur feinen Spiels mit fotorealistischen Erwartungen, wie es bei der Komposition des Titan-Bildes vorliegt, gibt Waldvogel in „Globus Cassus“ dem Möglichkeitssinn ungleich grösseren Spielraum.

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Aus der alten Erdmasse entsteht der neue Globus Cassus.

“Globus Cassus” ist kühnste architektonische Phantasie: Aus der herkömmlichen Erdkugel mit ihrem Durchmesser von 12'000 Kilometern soll ein Hohlkörper mit einem Durchmesser von 85'000 Kilometern werden. Dazu braucht es vier Türme, die je 150'000 Kilometer ins Weltall hinausragen. Von diesen Türmen aus wird die neue Erde als Hohlkugel um die alte gespannt; die Innenfläche der Hohlkugel bildet die neue Erdoberfläche. Dafür wird die alte Welt ausgeweidet, so dass nach Fertigstellung des neuen Globus dessen Zentrum, der Sitz der alten Welt, leer ist. Der Himmel des neuen Globus erscheint dabei nicht mehr als unermessliches, götterbergendes Universum, sondern wird ganz irdisch von der Innenfläche der 150 Kilometer dicken Erdschale begrenzt. Das klingt nach Enge, doch gerade das Gegenteil ist nach Waldvogels Berechnungen der Fall: Die Menschen haben auf dem mit gigantischen Fenstern durchbrochenen “Globus Cassus” im Gegenteil viel mehr Platz, „die absolute Wahlfreiheit des Wohn- und Lebensraumes ist gewährleistet“, wie Waldvogel schreibt. Globus Cassus ist eine Utopie.

Jahrtausendprojekt

2003 stellte Waldvogel seine Utopie dreimal in Form einer Ausstellung vor, 2004 repräsentierte „Globus Cassus“ an der Architektur Biennale in Venedig die Schweiz und aus diesem Anlass ist die Utopie beim experimentierfreudigen wie renommierten Lars Müller Verlag in Buchform erschienen. Die anlässlich der Leipziger Büchermesse Anfang dieses Jahres als zweitschönstes Buch der Welt ausgezeichnete Publikation stellt momentan das Herzstück von „Globus Cassus“ dar: In einem ersten Teil wird die Entstehung der Hohlwelt als Schöpfungsmythos erzählt, im zweiten wird dasselbe Geschehen als technisch-architektonisches Ereignis simuliert. Darauf folgt eine kleine Textsammlung, die durch den Essay „Unter dem Himmel der Moderne“ des in Karlsruhe lehrenden Kunsttheoretikers Boris Groys beschlossen wird.

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«Weit weg gibt es nicht mehr», 2004, Lightjet hinter Acryl-Glas, 475 x 267cm.

Zur Moderne gehört für Groys nicht nur der Umstand, dass die Götter ausgesperrt werden wie in Waldvogels irdisch begrenztem Himmelszelt. Zur Moderne gehört auch ein neuer Künstlertypus: Dieser Künstler schöpft nicht mehr fertige Welten sprich vollendete Kunstwerke, sondern unterhält Projekte. Dieser Künstlertypus kann nicht wie der biblische Gott nach der Schöpfung nobel zurücktreten, sondern bleibt als Projektmacher weiter im Spiel. Die Realisierung von Waldvogels Utopie, auf dem “Globus Cassus” eine bessere Welt entstehen zu lassen, wird Waldvogel und seine möglichen Nachfolger gleich „einige Jahrtausende in Anspruch nehmen“, so Groys. Waldvogels Projekt wird zum Paradefall moderner Kunst.

Utopisches Moment der 90er Jahre

Es ist schon einige Jahre her, dass derselbe Groys in einem Essay der Zeitschrift “du” die in den 90er Jahren erträumte grosse Zukunft der Netzkunst als eigenständiges Kunstgenre angezweifelt hat. Gerade jener Strang, der weniger bild- denn prozessorientiert arbeitet, erregte dabei seine Zweifel. Die Entwicklung hat ihm recht gegeben. Waldvogels künstlerisches Schaffen zeigt jedoch, dass das Kommunikationsmedium Internet zwar kein gleichsam hauseigenes Kunstgenre und schon gar keinen eigenen Künstertypus erzeugen - und trotzdem sich als wichtiger Faktor zeitgenössischer Kunst behaupten kann. Für „Globus Cassus“ ist das Netz mindestens in zwei Punkten wichtig. Die erste Punkt betrifft Waldvogels Mut, dem Utopischen Raum zu schaffen. Waldvogel gehört zu der kleinen Architektengruppe, die 1996 die Ausstellung „!HelloWorld?“ in der Galerie des Museums für Gestaltung Zürich organisierten. Die Ausstellung sollte das eben erst popularisierte Internet einer breiteren Öffentlichkeit als kulturelles Phänomen näherbringen und ist im Rückblick ein berührendes Zeugnis für die Begeisterung und Hoffnungen, welche das neue Medium damals weckte. In „Globus Cassus“ hat sich etwas vom damaligen Feuerwerk des utopischen Denken bewahren, aber vor allem in ganz eigenständiger Weise künstlerisch verdichten können.

Phänotyp Open Source

Der zweite Punkt ist konkreter, denn neben Austellung und Buch existiert das Langzeitprojekt „Globus Cassus“ seit 1998 auch auf dem Netz. Waldvogel beschreibt diese künstlerische Strategie der medialen Vielsträngigkeit als Verhältnis von Geno- und Phänotyp. Eine künstlerische Idee wie diejenige des “Globus Cassus” (Genotyp) kann zu verschiedenen Ausgestaltungen (Phänotypen) führen. Als www.waldvogel.com/globus-cassus wird das Projekt zur „Open Source Art“, die zur Teilnahme einlädt. Denn schliesslich hat Waldvogel mit seiner kühnen Konstruktion eine Art Hohlform des Utopischen geschaffen, die weitergedacht werden kann und soll. Der Open-Source-Gedanke und die Orientierung am Linux-Modell liegen nahe. Wie Waldvogels Projekt sich zum Community-Wahn der 90er Jahre verhält, dürfte dabei eine noch ungeklärte Frage sein. Doch gerade das Titan-Panoramabild kann vor Augen führen, dass Waldvogels Netzversion des „Globus Cassus“ alles andere als ein beliebiger Phänotyp ist. Vielmehr scheint neben der herkömmlichen Künstler-Existenz als Alleinkämpfer der Open-Source-Gedanke und das Arbeiten in Community-Zusammenhängen in Waldvogels Werdegang, seiner Arbeitsweise und schliesslich seiner Kunst als weitere Möglichkeit angelegt.

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