Wiener Zeitung | Manisha Jothardy

Manisha Jothardy im Gespräch mit Christian Waldvogel, anhand der Ausstellung Weltraum — Die Kunst und ein Traum in der Kunsthalle Wien.


Wiener Zeitung vom 31.03.2011



Wiener Zeitung:

Der Mensch ist seit jeher vom Weltall fasziniert. Was reizt Sie daran?

Christian Waldvogel:

Ich bin natürlich von der Weite des Weltraums fasziniert. Vor allem aber verbindet sich damit für mich der Wunsch, von außen auf die Dinge zu schauen.

Dieser Blick aus der Distanz entspricht ja grundsätzlich einer künstlerischen Haltung und der damit verbundenen Hinterfragung des Systems, in dem man lebt. Und das System ist - weit gefasst - das Universum. Ich frage mich auch, ob der Mensch sich aus seiner Welt hinausprojizieren kann, um auf sich selbst zurückzuschauen.

Für Ihren bei der Architekturbiennale Venedig 2004 vorgestellten "Globus Cassus" müsste sich der Mensch quasi ins Erdinnere projizieren. Er sieht die Umwandlung der Erde in eine hohle, auf der Innenseite bewohnbare Sphäre vor. Welche Idee steckt dahinter?

"Globus Cassus" ist ein Gegenmodell zu unserer Welt, das es uns ermöglicht, diese besser zu verstehen. Das Projekt ist detailliert ausgearbeitet und integriert viele Technologien, die erst erfunden werden müssten. Ebenso die Menschen, die dieses Hohlkonstrukt bevölkern könnten.

In der Kunsthalle Wien zeigen Sie die Arbeit "Galileos Missing Argument". Was zeichnet sie aus?

Das ist auch eine klassische Blick-von-außen-Geschichte. Hätte Galileo mit dem Inquisitionsgericht auf den Mond reisen können, wäre er der Verurteilung entgangen. Er hätte dadurch beweisen können, dass sich die Erde um ihre eigene Achse dreht.

Sie haben den historischen Gegebenheiten ein Kapitel hinzugefügt?

Ich habe an Galileos "Dialog über die zwei wichtigsten Weltsysteme, das ptolemäische und das kopernikanische" weitergeschrieben und mich dabei der Figuren bedient, denen Galileo im Original von 1632 seine Überlegungen in den Mund gelegt hat. Die Texte sind Teil einer Installation, zu der auch ein Leuchtkasten-Foto zählt. Es zeigt die Erde vom Mond aus. Eine Woche, bevor Galileo der Prozess gemacht wurde.

Das wäre ja ein vor der Erfindung der Fotografie entstandenes Foto?

Das ist natürlich simuliert. Da die Mondoberfläche unveränderlich ist - man könnte dort einen Stein fallen lassen und er läge in 300 Jahren noch dort -, lässt sich das rückwirkend den Tatsachen entsprechend darstellen. Ich habe Aufnahmen der Nasa zusammengesetzt und die Position der Erde, der Sonne und des Mondes in Galileos Zeit zurückgerechnet.

Sie bearbeiten für Ihre Arbeit öfter Aufnahmen der Nasa. Stellt sich Ihnen in diesem Zusammenhang nicht auch die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Bildern?

Die Wahrheit des Bildes ist ein schwieriges Thema. In gewisser Weise arbeitet man ja immer mit bildgebenden Verfahren, die ja an sich schon eine gewisse Form der Interpretation sind. Wenn ich auf diese Dateien zurückgreife, interessiert mich mehr, welche Vorstellungen, welche Momente des Staunens sie auslösen.

Denken Sie, dass der Weltraum als Sehnsuchtsort überhaupt noch zur Verfügung steht? Den Traum von einer Reise ins All haben sich ein paar Wohlhabende bereits erfüllt. Längst gibt es Bauvorhaben für Hotelanlagen am Mond.

Ich glaube, dass all das in der Vorstellung viel besser ist. Die Wahrheit ist ja mitunter sehr ernüchternd, auch aufgrund der zeitlichen Begrenzung der Erlebnisse. Rein Imaginiertes kennt dagegen kein zeitliches Limit.

Verbindet sich die Sehnsucht nach Unendlichkeit am meisten mit dem Nachdenken über das Universum?

Und die Sehnsucht nach der Frage unseres Ursprungs. Denn egal wohin ich schaue: Zuhinterst liegt der Urknall.

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