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'Bibliotheken bauen' hrsg. Susanne Bieri und Walther Fuchs,
Birkhäuser 2001, Basel,
p504/505 ©2001 smarch&waldvogel |
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«Auch erhoffte man sich damals Aufschluß über die Grundgeheimnisse der Menschheit: den Ursprung der Bibliothek und der Zeit. Wahrscheinlich lassen sich diese gewichtigen Mysterien in Worten erläutern; wenn die Sprache der Philosophen nicht ausreicht, wird die Bibliothek die unerhörte Sprache, die dazu erforderlich ist, hervorgebracht haben, sowie die Wörterbücher und Grammatiken dieser Sprache.» Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel, 1941 |
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Ein Stück Erde in den Himmel versetzt. Unsere Vision einer Bibliothek der Zukunft situiert sich zwischen dem Genussideal eines Garten Eden und dem Angstbild einer Arche Noah des Wissens. Möglichkeiten des viralen Crash vernetzter Welten ebenso wie der versprochenen künstlichen Paradiese zukünftiger technischer Intelligenz führen zur Konzeption der Bibliothek als autonome Einheit, abgeschirmt gegenüber Naturkatastrophen und von Menschen verschuldeten Vorfällen. Als Sensor für humane Artefakte, deren Inhalte in den allem Lebenden zugrundeliegenden Gencode kopiert und in Pflanzen dauerhaft gespeichert werden, stillt die Bibliothek unser kulturelles Bedürfnis, sich feste 'Erinnerungsräume' zu schaffen, die zukünftigen Generationen Reinterpretationen erlauben. Eine metabolische Struktur aus synthetischen, metallischen und organischen Stoffen hängt im optischen Schwerpunkt zwischen Alpen und Jura. Sie ist mit einem Kabel, das sich mit der Erde und deren Rotation im Gleichgewicht befindet, in einer geostationären Umlaufbahn verankert. Mit der dadurch erreichten relativen Unabhängigkeit von der Erde wird das Urbedürfnis an Sicherheit, in der wir die Grundlage für jede Bibliothek als Behälter von Wissen sehen, sichergestellt. Die sich im Laufe der Zeit zu Landschaften und Geologien des Wissens verdichtende Struktur beherbergt einerseits unzerstörbare Kernräume zur Aufbewahrung, Encodierung und Zurschaustellung der Originale, andererseits den Pollenfundus, welcher mit dem gesamten, in ihm auf geringem Raum konzentrierten und konservierten Bibliotheksbestand an die elektronischen Datennetze angeschlossen ist. In den peripher gelegenen Zonen befinden sich Lesesäle als 'Wiesen des Wissens', Kurz und Langzeithotels, vegetarische Restaurants, ein Sanadrom, Mimulations-Theater, Landeplätze für Flugobjekte und Shuttlezugstationen. Die gesamte mnemonische Stadtstruktur wird mit einem Solarenergiesystem versorgt. Der Mensch, der sich über Düfte, Farben und Formen auf Pfaden der Verführung, des Unwissens und des Vergessens dem Wissen annähert, ruft dieses mit DNA-Scannern direkt aus den Pflanzen und Bäumen ab. Leben, Emotion und Zufall fungieren als Quelle des Wissenstransfers, vergleichbar mit der Reise in einer Märchenlandschaft, während der über Figuren, Mythen und Erlebnisse Wissen vermittelt wird. Wir fassen die Evolution der Architektur als Pendelbewegung zwischen archaischen ewigen Werten und einem sich befreienden, neue Lebensformen gestaltenden Kraftfluss auf. Vor diesem Hintergrund erscheint unser Entwurf als archaisches, zukünftiges, zeitloses Gefäss der Erinnerung, das sich im Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde befindet. Er bildet eine Architektur, die gleichzeitig in die Zukunft und in die Vergangenheit blickt, um sich in diesem Spannungsfeld der Zukunft zu erinnern. Mit diesem bifokalen Blick wird jede Utopie zur Re-tropie, und zwar genau im Moment ihrer Entstehung. Und die Zeit steht plötzlich still.
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![]() 'Bibliotheken bauen' hrsg. Susanne Bieri und Walther Fuchs, Birkhäuser 2001, Basel, p506/507 ©2001 smarch&waldvogel |
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