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| Installationsansicht Museum für Gestaltung Zürich. 5 Inkjetprints hinter Plexiglas, je 120.7 x 73.7 cm |
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DER GLOBUS CASSUS
«Wir verfolgen den Aufbau einer der grössten Unternehmungen in der Geschichte der Menschheit: Die Transformation des Planeten Erde in ein bewohnbares Monument von majestätischer Eleganz. Alsdann begeben wir uns in die Nähe, wo wir am Äquator Meere, Länder und Wüsten vorfinden, phantastische Städte auf Stufen wie hängende Gärten, und schliesslich solche in Form von Fasern, Schwärmen und Haaren, federleicht, lichtdurchflutet und durchlässig bis in die untersten Regionen.»
Dem aus den Mythologien überlieferten Bau der Vier Türme, welcher den Beginn des Erdumbaus markiert, folgte der Grosse Regen. Mit dem Wasser und den Stürmen kam die Luft, kamen Mensch und Tier, und bald waren die fruchtbaren Äquatorregionen bewachsen und bewohnbar. Die Archivknoten beherbergten ganze Landstriche, die noch von der Erde stammten. Entlang den Äquatorflanken entstanden die prächtigen Städte der Tausend Treppen und ein Netz von Schlauchpassagen und Aggregatstädten überzog die neuen Meere und Länder.
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D A S M O L U K K E N - K A B E L
Die Vier Türme. Von den im geostationären Orbit kreisenden Brütersatelliten liess man Stationäre Kabel aus Siliziumeinkristall erdwärts und proportional zur zunehmenden Gravitation nach Aussen wachsen. Stets im Gleichgewicht zu Erdrotation und -anziehung rotieren Kabel und Erde mit der gleichen Geschwindigkeit um dieselbe Achse. Jetzt dienen die Kabel als Orbitlift für Bauroboter und aus der Erdkruste extrahiertes Baumaterial. Der Skeleton wird dem Äquator entlang vorangetrieben, in den Knoten entstehen erste Pionierhabitate.
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Die Vier Türme mit je 715km Durchmesser sind mit einem Zwischenwinkel von 63.5° bzw. 116.5° auf dem Äquator angeordnet. Die Fusspunkte liegen im Pazifik südlich der Weihnachtsinsel (im Bild hinten), im Amazonasdelta, in Äquatorialguinea und bei den Molukken.
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B A U S T E L L E I M O R B I T
Skeleton und Schale. Bündel von Transferschläuchen verbinden die Erde mit ihrem neu entstehenden Pendant. Für den Bau der lediglich 112km dicken Aussenschale wird temperiertes Magma zur orbitalen Baustelle gepumpt. In den Äquatorialknoten, wo aus Erdkrustenmaterial der für den Skeleton verwendete hochfeste Siliziumschaum synthetisiert wurde, rüstet man die Kabelbrüter für die Magmaverarbeitung um. In der temporären Schwerelosigkeit auf der entstehenden Schale glühen tausende von kugelförmigen Hochtemperaturöfen.
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Die ikosaederbasierte Geometrie des Globus Cassus ist strikte punktsymmetrisch, um den fragilen Himmelskörper im Gleichgewicht zu halten. Durch die acht nach innen gewölbten Fensterdome wird die bewohnte Innenseite belichtet.
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N A C H D E M G R O S S E N R E G E N
Die Übersiedelung. Die durch den Abbau geschrumpfte Erde verlor mit der Masse auch ihre Gravitation. Die Wasser und Lüfte gingen im Grossen Regen nach aussen, wo sie in den Äquatorzonen des noch kargen Globus Cassus Meere, Flüsse und eine Atmosphäre bildeten. Nach dem Grossen Regen verliessen die Menschen und Tiere die Erde und reisten in den Vier Türmen in die neue Welt. Von den Archivknoten und Kabelblüten aus bevölkerten sie die Äquatoren und begannen mit der Installation des Spezifischen Egalitarismus.
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Der Spezifische Egalitarismus. War der Spezifische Egalitarismus in der Gründerzeit noch Wunschdenken, ist diese Gesellschaftsform mittlerweile in einem Masse verbreitet, dass vom Sozialverhalten der Stadtbevölkerungen über die gestalterischen Prinzipen in der Kunst und die ökonomischen Systeme auch das Zusammenleben von Mensch und Tier von ihr als grundlegendes Prinzip durchdrungen sind. Gerechtigkeit, Gleichheit, Unterschied und kollektive Sensibilität bilden die Eckpfeiler dieses erfolgreichen Weltmodells.
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D E R P R O G R E S S I V E Ä Q U A T O R
Die Stadt der 1000 Treppen. Waren nach dem Grossen Regen die Länder noch brach und karg, hat sich mittlerweile eine vielfältige Vegetation entwickelt. Mit der baulichen Vollendung Proterras ist die Erde vollends verschwunden. Die Stationären Kabel sind durch das nun leere Zentrum hindurch untereinander verbunden worden und dienen als Vakuumbahnen und Startschleudern für interplanetare Flüge. Die mehrere Millarden Einwohner zählenden Hangstädte erstrecken sich über mehr als 2500km den Äquatorflanken entlang.
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Beim Bau Proterras wurde im Sinne des Spezifischen Egalitarismus den unterschiedlichen Sicherheitsbedürfnissen der Menschheit Rechnung getragen, indem ein neu erdachter Progressiver Äquator (links) und ein klassischer Konservatorischer Äquator (rechts) angelegt wurde.
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D I E G E O M O R P H E S T A D T
Blick vom Protogarten zum Sektor Interspezifische Migration. Autark liegt diese Aggregatstadt in der wasserarmen Abgeschiedenheit der Grossen Wüste im Herzen der Progressiven Äquatorzone. Mit Sonnenenergie wird aus Quarzsand Glas geschmolzen und Wasser aus der Luft herauskondensiert. Aus den Glashütten wuchern gläserne Wohntentakel in alle Richtungen, die Blockstruktur der Urbesiedelung umgarnend. In den Gärten, Oasen und Wälder im Innersten der Stadt finden Mensch und Tier Kühle und sanften Halbschatten.
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Mit ihrer konsequenten Durchmischung von Stadt und Land, harter Geometrie und weicher Form und ihrer gleichsam aus Mensch und Tier bestehenden Bewohnerschaft bildet die Anlage der Geomorphen Stadt ein vielzitiertes Beispiel für den gebauten Spezifischen Egalitarismus.
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KOMMENTAR DES AUTORS
Mit dem Vorschlag, die gesamte Erde abzubauen und in eine riesige, hohle und auf der Innenseite bewohnte Welt zu transformieren, geschieht ein eigentlicher Befreiungsschlag: weg von den ideenhemmenden Limitationen der unmittelbaren Realität hin zum wolkenfreien Blick auf die dannzumal nicht mehr vorhandene Erde...
Der radikalmöglichste und realitätsfernste Positionsbezug ermöglicht mir, unter Hinterfragung aller gemeinhin als gesetzt geltenden Tatsachen, den objektivmöglichsten und ungetrübten Blick auf die Mechanismen und Systeme, die unsere Welt (um)treiben. Vom Zusammenhang zwischen Mythologie, Physik, Alchemie und Jurisdiktion über Studien der Sozialsysteme, geometrischen Formen und archaischen menschlichen Bedürfnissen zum Entwurf von oekonomischen Kreisläufen und neuen Lebensumständen sollen alle, eine Menschheit ausmachenden Fakten analysiert und an die im 'Globus Cassus' etablierten und zu etablierenden Prinzipien angepasst werden.
Die in der Ausstellung 'Wohnträume Wohnräume' präsentierte Hohlwelt ist das Substrat, der Kontext für die oben beschriebenen Studien und Entwürfe. Die Progression der fünf ausgestellten Tafeln zeigt eine Reise durch die Zeit der Umstülpung und von der Erde zur Hohlwelt. Sie beginnt über Indonesien zu Beginn der Transformation und endet 1000 Jahre später in einer Stadt auf der vollendeten und besiedelten 'Proterra'.
Christian Waldvogel, 22.07.2003
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