Ausstellungsansicht Swiss Art Awards 2003
Ausstellungsansicht Swiss Art Awards 2003. Inkjetprint auf Alu, 300 x 800 cm


7  DER VOLLPLANET

«Wir verfolgen den Aufbau der grössten Unternehmung in der Geschichte der Menschheit: den Umbau des Heimatplaneten in ein bewohnbares Monument von majestätischer Eleganz. Alsdann begeben wir uns in die Nähe, wo wir am Äquator Meere, Länder und Wüsten vorfinden, wo phantastische Städte auf Stufen wie hängende Gärten gebaut werden, und solche wie Fasern, Schwärme und Büschel; federleicht, lichtdurchflutet bis zuunterst, durchlässig und bevölkert von Mensch, Tier und Flora 1)

Mit seinen zahlreichen Artikeln hat der Historiker und Archogeograph Dr. Gerso Chlavdilw seit den Dreissiger Jahren der Fachwelt wichtige Beiträge in der Diskussion über die Herkunft unserer Mythen geleistet. Kern der Ausführungen bildet seine ebenso bestechende wie einfache Theorie zur Entstehung Proterras, die hier genauer beleuchtet werden soll. Chlavdilw endlich kommt zum Schluss, dass Proterra in grauer Vorzeit von Menschenhand erbaut worden sei und dass die Menschheit zuvor auf einem kompakten, kugelförmigen Planeten namens »Erde« gelebt haben soll 2) und auch dort entstanden sei. Dieser Planet soll sich im Zentrum unseres Globus Cassus befunden und sich mit diesem synchron bewegt haben. Proterra schliesslich sei aus dem Material der Erde gebaut worden und somit die umgestülpte Erde.
Abwicklung Proterra
Für die Verwirklichung eines derart umfassenden Projekts 3) waren grosse Friedfertigkeit und Einigkeit zwischen den verschiedenen Vorregnerischen Volksgruppierungen vonnöten. Dies legt den Schluss nahe, dass das noch heute praktizierte System des Spezifischen Egalitarismus (p103) seine Wurzeln auf einem auf natürliche Weise entstandenen Planeten hat. Zu Beginn der Bauphase, als die Kontinente ausgehöhlt wurden, lebten die Menschen in Küstenstädten, welche die Meere von den Fördergruben trennten. Als die Erde dann soviel Material an Proterra abgegeben hatte, dass ihre Gravitation Atmosphäre und Wasser nicht mehr zu halten vermochte, ereignete sich der Grosse Regen: Die Wasser gingen nach aussen, in einem sich spiralförmig ausbreitenden Wetter, vermischten sich mit der Luft und prasselten auf die bis dahin trockene und luftleere, neue Hohlwelt hernieder.
Während der mehrere Generationen in Anspruch nehmenden Umsiedlung entwickelten sich auch die Grundlagen unseres heutigen Kulturverständnisses. Chlavdilw konnte nachweisen, dass für wertvoll befundene Monumente, Landstriche und auch ganze Kontinente von der Planetenoberfläche abgelöst, in den Archivknoten (fig. 1, I) zwischengelagert und nach dem Grossen Regen in die Äquatorgärten integriert worden sind (fig. 1, D, F). Seine Rekonstruktion 4) der Erde weist naturgemäss in den verloren gegangenen und heute nicht mehr erkennbaren Regionen Unwäg- [hier bricht die Überlieferung ab.]
 
DER VOLLPLANET
Die erste Schwierigkeit bezüglich der Arbeiten von Gerso Chlavdilw, denen Christian Waldvogels architektonisches Kunstprojekt gewidmet ist, besteht in der Unsicherheit über die Identität des Autors. Obwohl er als «Historiker und Archogeograph» bekannt ist, dürfte sie nicht zu lüften sein. Aber eine Analyse der Chlavdilwschen Methode und Intentionen muss zu doch plausiblen Vermutungen führen.
Mythen der Welt
Mythen der Welt, Band II. Katalogeintrag 'Swiss Art Awards 2003'
Chlavdilws archogeographisches Projekt ist der kritischen Mythographie verpflichtet. Ihr gewinnt er Aspekte einer Poetik ab, von der seine mit gewaltiger Sprachkraft durchdrungenen Ausführungen zeugen («ein bewohnbares Monument von majestätischer Eleganz», wie er neuste Errungenschaften unserer Proterra nannte). Seine Versuche, den Ursprung Proterras in einem damals «Erde» genannten Vollplaneten zu lokalisieren, erschöpfen sich nicht in dessen verschiedenen Rekonstruktionen. Die Rekonstruktionen tragen vielmehr dazu bei, die Konstruktion Proterras als eine zu verstehen, für die gerade die nicht eindeutige Verortung ihres Ursprungs und damit die Unterschiedlichkeit als solche maßgeblich ist. Man kann sagen, daß die hohlförmige Umstülpung der Erde zu Proterra unterschiedliche Ursprungsmomente auf verschiedensten Ebenen sowohl diversifiziert als auch vereint: Gebautes und Gewachsenes durchmischen sich, Individuelles wird als solches erhalten und doch als Egalitäres anberaumt.
In diesem Sinn glauben wir, ist auch die Identität Chlavdilws zu verstehen. Die buchspezifische Rolle, die der Sprache in Waldvogels Projekt eingeräumt wird, dann das Ansinnen Chlavdilws wie auch seines Kollegen Ing. Horst Wallache-Sandiv, ursprüngliche Formen des Vollplaneten aus unserer Proterra über eine «paralinguistische Analyse» des «graphischen Erbes» abzuleiten, führt uns zu folgender Vermutung: Hinter Chlavdilw steckt eine Persönlichkeit, die durch eine nicht eindeutig festgelegte Herkunft geprägt ist, auf die der Name - letztlich Chlavdilws eigener - verweist. Wir denken dabei einerseits an Olav Schildwerg, den deutschsprachigen Architekten, der im heutigen Pendant Norwegens aufwuchs; andererseits aber an Ladislev G. Chow, den chinesischstämmigen Künstler mit russischen Wurzeln. Welcher der zwei letztlich die Idee mit dem Vollplaneten hatte, bleibt insofern nebensächlich, als sie beide die nötigen Fähigkeiten vereinen, um das Projekt zu realisieren.
Michael Gnehm. Wird publiziert in 'Swiss Art Awards 2003' herausgegeben vom BAK.



Transformation
Mögliche Transformation der Erde