Am 15. September 2002, einem wunderschönen Sonntag im Altweibersommer fuhr ich mit meiner frisch aus dem Service gekommenen, 1975er Honda CB 550 four zu meinen Eltern, um für diese meine Website Dokumentationsfotos der von mir umgebauten Küche und den Möbeln zu machen. Es sollte nicht sein an jenem Tag, unterwegs auf der Autobahn platzte der Vorderpneu, ich wurde mit einer offenen Trümmerfraktur in Oberschenkel und Knie ins Universitätsspital eingeliefert und konnte nach einem achtwöchigen Spital- und Rehabilitationsaufenthalt wieder nach Hause zurückkehren.

Während der langen, immer noch andauernden Genesungszeit habe ich die Geschichte des Unfalls und meiner Verletzung wieder und wieder erzählt. Zurück in meinem Stadtleben ist die Tatsache eines Unfalls auf Grund meiner Krücken natürlich für alle ersichtlich, für mich ist aber die Zeit gekommen, in der ich nicht mehr täglich über den Unfall, meine Verletzung und ihre Folgen und Auswirkungen reden möchte.

Der folgende Text ist für alle Menschen, die mich kennen, die (noch) nichts über den Unfall gehört haben oder mehr darüber wissen möchten. Seine Existenz auf dem Netz soll mich entlasten und mir ein Leben ohne ständige Statusberichterstattung für meine sich kümmernden Mitmenschen ermöglichen. Ich wünsche allen, dass sie eine derartige Erfahrung nie machen müssen!
Zürich, 20.11.2002

 
Der Unfall vom 15. September 2002

Kurz nach 1700 Uhr machte ich mich von der Luisenstrasse auf den Weg, um bei meinen Eltern ein paar Fotos von der letztes Jahr umgebauten Küche zu machen. Für die etwa fünfzehnminütige Fahrt rüstete ich mich nicht mit der vollen Töffmontur aus, sondern nur mit Lederjacke und -handschuhen sowie Jeans, Nierengurt und flachen Halbschuhen. Ich habe das Gefühl, dass das Tragen von Stiefeln und Lederhosen nicht sehr viel geholfen hätte - vielleicht ist diese Ansicht in meinem Falle hilfreich, da ja nichts mehr zu ändern ist und ich sowieso nie mehr Motorrad fahren werde. So viel Glück hat man nur einmal.

Ich fuhr also los, den gewohnten Weg über die Heinrichstrasse stadtauswärts, dann auf der Fabrikstrasse rechts, über die Limmatstrasse, am Lichtsignal beim Sihlquai links Richtung Escher-Wyss-Platz und dann auf die Hardbrücke. Den Rosengarten hoch, vorbei an den drei neuen Geschwindigkeitsblitzlichtern, Hirschwiese und dort beginnt dann die Autobahn. Es geht im Tunnel runter nach Schwamendingen, man kommt dort raus, wo das in meiner Diplomarbeit beplante Gebiet bginnt. Ich fahre sozusagen durch meine Diplomplanung, dann gehts beim Fernheizkraftwerk rechts weg Richtung Flughafen. Nach der mir immer etwas unangenehmen Linkskurve auf der zuerst steigenden und dann fallenden Rampe kommen von links die Spuren mit dem Verkehr aus dem Zürcher Oberland und der Ostschweiz. Die Strasse ist nun vierspurig, ich wechsle auf die zweite Spur. An dieser Stelle und in diesem Moment habe ich die Vorahnung. Ich denke: 'ich habe alles, kann alles tun', ich beziehe mich dabei auf mich selber, sehe mich vor dem inneren Auge für einen Moment mit dem Laptop im Bett liegend. Irgendwo in einer tief liegenden Hirnwindung muss das Bild aufgeblitzt haben. Der Moment geht vorbei, nach wenigen Hundert Metern teilt sich die Autobahn, ich gehe wieder rechts Richtung Flughafen, meine Spur ist nun die Überholspur. Die Strasse macht ein leichtes 'S', unangenehm, weil man doch etwa 100 bis 120 km/h schnell ist und man mit rechtem Vertrauen und Biss fahren muss. Eine Stelle, die ich nie gemocht habe. Doch dieses Mal schaff ich es wieder, ich komme heil heraus, mit etwa 120km/h, und dann verschmälert sich die Strecke. Man baut dort eine Autobahnüberdachung, ich weiss nicht mehr genau, ob die Leitplanke provisorisch ist oder versetzt, auf jeden Fall ist der Belag etwas unruhig und erfordert Konzentration.

Und dann passiert es, es muss ein spitzes Teil von der Baustelle auf der Strasse gelegen haben, ein Nagel, eine Schraube, ein Splitter oder ein Stein oder was auch immer. Auf jeden Fall ändert sich das Rollgeräusch schlagartig, es wird singend, hell. Das Motorrad beginnt zu schlingern, der Lenker zittert, für einen Sekundenbruchteil schaue ich rechts am Tank vorbei nach unten, sehe und realisiere das platte Vorderrad.

Blick auf den platten Reifen, ungewohntes helles Geräusch, rechts am Töff vorbeigeschaut. Im Blickfeld nur die rechte Hälfte des Lenkers, Tank, Rad, vorbeirasende Strasse unscharf von oben gesehen.

Dann geht der Blick wieder nach vorne, leer, verständnislos für einen Moment. Eine weitere Änderung des Geräusches, dumpfe Komponenten, der Anflug eines pochenden Gefühls in meiner linken unteren Körperhälfte kommen dazu. Mein Blick sieht und versteht, dass ich der Leitplanke entlangschramme, ich sehe unten links das Metall, mein eingeklemmtes Bein, den blauen Tank.

Linke Töffseite, Leitplanke, kleines Blickfeld, Blick nach schräg unten.

Ich bin weg vom Gas, aber der Töff ist noch immer in voller Fahrt, wahrscheinlich noch etwa 100km/h schnell. Ich denke -in Bezug auf die Vorahnung- bestätigend: 'so, das ist es also' und realisiere, dass ich schlecht dran bin. Instinktiv betätige ich die Bremsen und ziehe den Töff nach rechts, von der Leitplanke weg und zurück in Richtung der Mitte der Fahrspur. Durch die asymmetrische Gewichtsverlagerung und die Steuerbewegung verliere ich die Kontrolle über das Motorrad. Das Gewicht schiebt von hinten, der platte Reifen greift nicht mehr, rutscht seitlich weg. Ich stürze vom Sattel, das Motorrad geht vorne in Fahrtrichtung weg. Ich schliddere über die Strasse, mich wahrscheinlich überschlagend, sehe meine Honda der Leitplanke entlangrutschen, auf ihrer rechten Seite liegend, ich hinterher.

Auf Strasse rutschend, Blick in Fahrtrichtung, grosses Blickfeld, Motorrad schlittert auf seiner rechten Seite liegend der Leitplanke entlang.

Grauenhafte Angst durchfährt mich, hoffentlich werde ich nicht überfahren. Alle diese vielen Autos, der Verkehr war relativ dicht, die beiden Spuren eng, ich mittendrin am Rutschen, ich werde mitten auf der Autobahn zu liegen kommen, bitte überfahrt mich nicht! Ich schreie den Autofahrern zu, so laut ich kann, gehört hats wahrscheinlich niemand, aber gesehen.

Ich komme etwa einen Meter links der Linie zwischen den beiden Fahrspuren liegend zum Stillstand, lebe noch, setze mich auf, blicke in die Gegenfahrtrichtung und sehe, dass die Autos in etwa 40m Entfernung angehalten haben.

Blick in Gegenfahrtrichtung, am Boden liegend. Grosses Blickfeld, ich rutsche nicht mehr, die Autos haben in 40 Metern Entfernung angehalten.

Verwirrt und erleichtert ziehe ich Helm und Handschuhe aus und werde dann meines abgebrochenen Beins gewahr. Ich sitze auf der Strasse, allein, in einem grotesken Schneidersitz und schreie, komme mir vor wie ein kleines, verängstigtes Kind. Ich schreie so laut ich kann, vor Schreck über mein oberhalb des Knies nach rechts abgeknicktes Bein und vor Schmerz.

Blick auf abgebrochenes Bein, kleines Blickfeld.

Die Schmerzen sind höllisch. Unter dem gebrochenen Knie bildet sich eine dunkelrote Blutlache. Mein Blut, der Unterschenkel steckt noch in der Hose, der linke Schuh und Socken sind weg, der Fuss sieht bleich und tot aus. Ich kann nur schreien, Luft holen, wieder schreien. Mir ist klar, dass nun eine lange Zeit beginnt, in der alles anders sein wird. Leute kommen gerannt. Viele Leute, eine der ersten Personen, die ankommt stellt sich als Ärztin vor, trägt Motorradkleidung. Sie legt mich vorsichtig nach hinten mit dem Rücken auf die Strasse, fragt mich, ob ich Gefühle hätte im rechten Fuss. - Ja ich habe Gefühle, ich bin nicht gelähmt, Erleichterung, Schmerzen, Angst, ob man das Bein amputieren müsse. Die Ärztin beruhigt mich, es sehe so schlimm nicht aus, hält meine Hand, lässt mich ihr Mobiltelefon benutzen, ich hatte ihr die Nummer meiner Eltern, diejenige meines Mitbewohners und jene einer Freundin, die bei mir zum Abendessen eingeladen war, gegeben. Nacheinander probiere ich alle Nummern, meine Eltern besetzt, der Mitbewohner nimmt nicht ab, bei der Freundin kommt der Beantworter.

Mein Atem geht hastig und schnell, man versucht mich zu beruhigen, periodisch flammen die Schmerzen auf, ich stöhne, drücke die Hände, die die meinen halten. Die Ärztin und ein mit ausländischem Akzent sprechender Herr kauern geduldig rechts und links von mir, halten meine Hände, sprechen mir Mut zu, ich frage nach der Ambulanz, sie kommt und kommt nicht. Irgendwann eine Sirene, die Polizei. Ich schildere dem Polizisten Unfallhergang und -ursache, bin ja bei bestem Bewusstsein. Er fragt, ob nicht ein Helikopter zu bestellen sei, die Anäststin meint, man solle die Ambulanz abwarten. Und die kommt und kommt nicht. Die Wartezeit ist ein wiederkehrender Zyklus von aufflammenden Schmerzen, Händedrücken, schnell Atmen, beruhigt werden, fragen wann die Ambulanz kommt, die Eltern, den Mitbewohner und die Freundin erfolglos zu erreichen versuchen. Irgendjemand kritisiert noch meine ungenügende Beinbekleidung - passend. Auf der provisorischen Brücke, welche ich im Hintergrund zu erkennen vermag, stehen Gaffer, ich überlege mir, wie das wohl aussieht, wenn einer mit so einem abgeknickten Bein in einer Blutlache auf der Autobahn liegt, auf jeden Fall passiert hier unten viel zu wenig, als dass es spannend sein könnte...

Irgendwann ertönt von fern die Sirene der Ambulanz, ich bin froh, bald werden meine Schmerzen vergehen. Und dann die Enttäuschung: sie sind auf der verkehrten Seite, halten an, erfahren, dass ich wahrscheinlich keine Kopf- und Rückenverletzungen habe und nicht verblute, und fahren, diesmal ohne Sirene weiter, um umzukehren. So sagts mir die Ärztin. Und es dauert wieder, wieder das selbe Leiden, warten, Schmerzen, Händedrücken, schnell Atmen, beruhigt werden, fragen wann die Ambulanz kommt, die Eltern, den Mitbewohner und die Freundin erfolglos zu erreichen versuchen. Nach einer unendlich lang scheinenden Zeit, es muss eine weitere Viertelstunde vergangen sein, schleicht sich die Ambulanz heran, tastet sich verschämt durch den Verkehr, ohne Sirene und Blaulicht, wir haben ja Zeit. Ich liege am Boden, verletzt und leidend und rege mich auf.

Die Rettungssanität übernimmt, die Ärztin gibt ihnen noch schnell Auskunft, ich wolle nach Zürich ins Universitätsspital und tritt dann zur Seite. Es sehe schon nicht so gut aus, bei einem derart zerschmetterten Bein könne man sowieso nur im Unispital etwas ausrichten, meint die leitende Notfallärztin, ein kleiner Vorgeschmack. Und alles dauert, ich bitte imbrünstig um Schmerzmittel, verlange es, bevor man das Bein richtet. Doch zuerst muss eine Infusion gesteckt werden, bei meinen verborgenen Venen kein leichtes und vor allem kein schnelles Unterfangen. Dann wird mir vorsichtigst die Halskrause umgelegt, man kann ja nie wissen und der Sturz war schon recht heftig... und dann endlich endlich eine Spritze gegen die Schmerzen, und sie nützt nichts! Ich verlange mehr und man gibt mir eine zweite Spritze, es muss Morphium gewesen sein, und zwar eine grosse Ladung.

Es dauert einige Sekunden, dann beginnt sich meine Wahrnehmung massiv zu ändern, alles schlurft zusammen, wird zusammengezogen, ich halte die Augen geschlossen und sehe wilde aber trotzdem geordnete, sich in den Diagonalen verschiebende weiss-gelbe Muster. Alles hat sich auf meinen Geist reduziert, ich habe keinerlei Körpergefühl mehr, alles ist zusammengeschrumpft und zusammengeschnurpft, sozusagen in meine geschlossenen Augen komprimiert. Ich sehe unbeschreibliche Räume, es bewegt sich wellenförmig, vor und zurück, verbiegt sich, die 'Aussenwelt' ist weit weg, Stimmen und Geräusche dringen wie durch eine Wattewand mit viel Hall zu mir. Etwas passiert, ich kann nicht sagen ob es ein Geräusch oder ein Gefühl war, es ist irgendwie kratzend, das muss das Bein gewesen sein, das sie gerichtet und behelfsmässig fixiert haben. Inzwischen bin ich total in den gelb-weissen Mustern aufgegangen, es gibt auch wenig schwarz und grün darin, ist immer noch bewegt. Ich verstehe, dass dies die Essenz des Lebens sein muss, das Destillat der Empfindungen, das um was es geht, das was einen ausmacht, das was das Leben eigentlich ist. Mit etwas Verwunderung aber auch Akzeptanz stelle ich fest, dass ich das Ende des Weges erreicht habe und beginne mich mit meinem Ende abzufinden, so ist also sterben. Es fällt einem auch nicht so schwer, man ist ja nur noch Geist, kein Körper mehr und keine Gefühle, ich empfinde keine Schwerkraft, eigentlich denke ich nur, Halluzinationen und ein bisschen Gehör, die restlichen Empfindungen sind ausgeschaltet.

Dann dämmert es mir: da war noch etwas anderes gewesen, aber was bloss? Diese skurrilen und auch schrecklichen Momente dauern noch an, bis ich merke, dass ich früher eine Körperlichkeit empfunden hatte, dass mein Leben an eine Physis gebunden gewesen war. Und diese ist nun weg. Mit einer grossen Anstrengung gelingt es mir, die Augen zu spüren und dann zu öffnen. Aus dem anfänglichen Weiss erscheinen die sanften Konturen von Wolken, immer schärfer und genauer werdend, das satte Blau des Abendhimmels durchsetzt mit weissen Wolken. Wunderbar, ich nehme die andere, äussere Welt wieder wahr, die gibts also auch noch! Mein Blick geht zur linken Seite und erfasst einen Mann, der neben mir kniet.

Aufwachen aus dem Morphiumrausch, Wolken, neben mir kauernder Polizist.

Es ist der Polizist, der als erste offizielle Person am Unfallort eingetroffen war. Ich erkenne ihn wieder und frage nach der Zeit. Es sei kurz vor Sechs, ich weiss, dass der Unfall kurz nach Fünf passiert war, diese Angabe hilft mir, die reale Welt wieder zu erkennen und mich selber darin zu positionieren. Ich bin natürlich immer noch ein Bisschen 'belämmert', aber froh um das Wissen, dass ich menschlich, physisch, existent und lebend bin.

Dann beginnt der langwierige Prozess des Umlagerns. Ich bin mir über die Details nicht mehr ganz im Klaren, dazu war das Morphium zu stark. Viele Leute verschieben mich, mit synchronen Bewegungen auf laut gesprochene Kommandos, auf die am Boden zusammengeklappte Ambulanzbahre. Dann geht es schnell, die Bahre mit mir drauf aufstellen, zur Ambulanz rollen, hineinschieben, und bald darauf geht die Fahrt los. Ich hatte grade noch Zeit gehabt, mich von der Ärztin zu verabschieden und sie nochmals zu bitten, meine Eltern, meinen Mitbewohner und die Freundin zu informieren, alle anderen Gedanken und äusseren Einflüsse waren durch die geregelte Hektik um mich herum, das Morphium und meine Suche nach Klarheit weggefiltert.

In der Ambulanz beginnt dann der Ärger. Man lässt sich Zeit beim Fahren, es sei ja nicht so schlimm, da könne sie das Blaulicht nicht verantworten, meint die Notfallärztin. Die beruhigende Wirkung des Morphiums lässt nach, ich fange mich wieder an aufzuregen. Zuerst kamen sie spät und auf der falschen Seite der Autobahn, lassen niemanden bei mir, dann brauchen sie unglaublich lange fürs Wenden -schon hier ohne Blaulicht respektive Eile-, und dann halten sie auch bei der Überführung ins Spital nichts davon, sich ein wenig zu sputen. Vollends überläuft das Fass dann schliesslich, als ich in einem weiteren Anfall von Verzweiflung, Angst und Unsicherheit nochmals nachfrage, ob mein Bein amputiert werden muss. Darauf antwortet die Ärztin in resolutem, etwas hysterischen Ton, dafür könne sie mir nun gar keine Garantie geben. Sie geht mir mit ihrer unsensiblen Art dermassen auf den Wecker, dass ich nur noch eine einzige weitere Frage stelle. Ich frage, wo wir im Moment sind, sie antwortet, wir seien beim Blinklicht, sehr informativ, 'auf der Strasse' wäre noch allgemeiner gewesen. Schliesslich und vor allem endlich fahren wir bei der Notfallaufnahme vor.

Ankunft in der Notfallaufnahme im Unispital Zürich, die Bahre wird hineingeschoben.

Ich werde ausgeladen und auf der Bahre durch die automatischen Türen ins Spital geschoben, direkt in den Schockraum. Eine Welle der Menschlichkeit schlägt mir entgegen, ich werde von einer Schar Leuten mit einer menschlichen, professionellen und gütigen Ausstrahlung entgegengenommen und für die erste Operation vorbereitet.

Der 'Ameisenhaufen' kümmert sich um mich.

Meine neuen, zerfetzten und blutdurchtränkten Lieblingshosen werden mir vom Leib geschnitten, Röntgenbilder, überall grün bekleidete Menschen, Piepsen, verschiedene Körperstellen werden rasiert, EKG-Kontakte angeklebt, Aktivität, man redet mit mir, schreibt, versucht lange vergeblich eine neue Infusion zu stecken, ich erinnere mich sogar an den leisen und verzweifelten Fluch einer Anästesieschwester...

Ich fühle mich wohl unter den beruhigenden und geübten Händen dieser Ärzte und Pflegerinnen, wünsche mir noch eine Vollnarkose und gleite bald, dankbar und endlich in den langersehnten Nebel des temporären Vergessens...
Der Text und die Skizzen stammen aus der psychologischen Traumaverarbeitung. Rehabilitationsklinik, 12.10.02 und 16.10.02.
 
Das Implantat
In der zweistündigen Notfalloperation am Abend des 15.09.02 wurden Ober- und Unterschenkel gerichtet und mit einem aussen liegenden, in die Knochen geschraubten Gestänge (Fixateur externe) fixiert. In einer zweiten, sechs Stunden dauernden Operation am 19.09.02 wurde die zersplitterte Kniepartie wieder zusammengesetzt, eine Titanplatte mit U-förmiger Querstrebe (Low-Contact Kondylen-Platte) eingesetzt / angebracht / hineingehämmert und die zerbrochene und von der Leitplanke abgeschliffene Kniescheibe verschraubt; alles in allem eine exzellente chirurgische Leistung.
Röntgenbild Knie und Oberschenkel
Front- und Seitenansicht meines linken Oberschenkels mit dem Hitech Titan-Ersatzteil und den 11 Schrauben.
In der Frontansicht sind die zahlreichen Bruchstellen als dunkle Linien erkennbar, in der Seitenansicht die geschraubte Kniescheibe. Ich kann mich nun zu den Cyborgs zählen, die Fremdkörper bleiben für mindestens zwei Jahre drin, wenn nicht für immer.
Bilder vom 31.10.2002/Davos Clavadel

Wundersamerweise beschränkt sich die Verletzung ausschliesslich auf das linke Bein. Neben der Oberschenkel- und Kniefraktur habe ich noch einen offenen Wadenbeinbruch und einen Fünflibergrossen Hautverlust am Knöchel erlitten. Der Wadenbeinbruch wurde während drei Wochen extern fixiert, aber nicht weiter behandelt. Da das Wadenbein beim Gehen keine tragende Funktion übernimmt und der Knochen von selber wieder stabil zusammenwächst, war keine Operation notwendig. In der dreiviertelstündigen, dritten Operation vom 24.09.02 wurde am Oberschenkel ein Stück Haut abgehobelt, perforiert und am Aussenknöchel angebracht. Nach einer zwei Wochen dauernden Ruhigstellung war es fest angewachsen, aber noch immer heikel, vier Wochen und eine Tube Bepanthen späer dann vollständig verheilt.
Röntgenbild Fuss Front- und Seitenansicht meines linken Schien- und Wadenbeins. Im Schienbeinknochen ist die 6mm messende Bohrung für den externen Fixateur erkennbar. In der Frontansicht ist der doppelte offene und ungerichtete Wadenbeinbruch auszumachen.
Bilder vom 31.10.2002/Davos Clavadel




Austrittsbericht Zürcher Höhenklinik Davos Clavadel

Anamnese
Kopforgane und Nervensystem: Patient gibt in Verbindung mit Schmerzmittelkonsum verstärkt Kopfschmerzen an. Hals und Respirationssystem, Kardiovaskuläres System, Gastrointestinaltrakt, Leber sowie Unrogenitalsystem, Haut, Stütz- und Bewegungsapparat unauffällig.

Allgemeines: Patient hat vor dem Unfall bewusst 7 kg verloren, fühlt sich aber wohl. Alkoholkonsum: 1 bis 2 Glas Wein pro Tag. Allergien auf Waschmittel und synthetisches Material. Eisen- und Aspirin-Unverträglichkeit.

Jetziges Leiden
Der Patient erlitt am 15.9.02 einen Motorradsturz. Er fuhr auf der Autobahn als ihm der Vorderreifen platzte, schlitterte an der Leitplanke entlang und erlitt ein direktes Trauma am linken Bein. Unter MO-Gabe wurde am Unfallort noch das Bein gerichtet, am selben Tag wurde er ins Universitätsspital Zürich eingeliefert, wo er einen gelenksüberbrückenden Fixateur externe Femur-Tibia sowie Tibia-Metatarsale I und V links erhielt. Am 19.9.02 wurde bei ihm eine Condylplatteosteosynthese am linken Femur durchgeführt. Die Defektwunde am Aussenknöchel wurde am 24.9.02 durch Spalthautdeckung behandelt. Der Fixateur externe wurde am 03.10.02 entfernt, Fixateureintrittstelllen sind unauffällig mit Ausnahme der Tibiaeintrittstelle, welche noch leicht exsudiert. Die ca. 35 cm lange Narbe ist reizlos, Fäden wurden bereits entfernt. Patient klagt über Sensibilitätsausfall auf Höhe der linken Patella. Er gibt zwar Schmerzen an, ist aber durch seine Schmerzmedikation gut eingestellt. Die bisherige physiotherapeutische Behandlung im Universitätsspital Zürich führte eine Mobilisation nach Massgabe der Schmerzen durch, in dem das Kniegelenk auf der Kinetec-Schiene bis zu 40° flektiert werden konnte. Vor 2 Tagen begannen sie mit einer Mobilisation an Stöcken mit einer Teilbeiastung von 10 kg, welche in den nächsten 6 Wochen postoperativ eingehalten werden soll. Der Patient wird in unsere Klinik verlegt zur weitern physiotherapeutischen Behandlung mit Mobilisation an Stöcken sowie eine kontinuierliche Verbesserung der Gelenksfunktion durch Einbeziehung der Kinetec-Schiene.

Medikamente bei Eintritt
Nexium 40mg 1-0-0
Dafalgan 50Omg 2-2-2-2
Zinat 25Omg 1-0-0-1
Tramal ret.20Omg 1-0-1
Ponstan 50Omg 1-1-1
Vioxx 25mg 1-0-1
Vilan 20mg s/c alle 3h in der Reserve
Ponstan 50Omg in der Reserve

Eintrittsstatus
31-jähriger Patient in reduziertem Allgemein- und normalem Ernährungszustand, 181 cm bei 76 kg, BMI 23, psychisch unauffällig. Patient selbst gibt Beschwerden bei der Krankheitsverarbeitung an. Haut und Schleimhäute unauffällig. Schilddrüse nicht vergrössert schluckverschieblich. Lymphknoten occipital und cervical nicht vergrössert. Wirbelsäule klopfindolent. Extremitäten: obere Extremitäten frei beweglich, untere Extremitäten: rechtes Bein frei beweglich, linkes Bein: Flexion im Kniegelenk bis 40° möglich. Kopf: Augennerven nicht eingeschränkt, Gesichtsfeld unauffällig. Pupillen isokor, Skleren und Conjunctiven ohne Befund. Ohren, Nase, Mund und Rachen unauffällig. Nervensystem: Hirnnerven grobkursorisch unauffällig, kein Meningismus. Sensibilität im Seitenvergleich der Dermatome gut vorhanden mit Ausnahme der Patella links. Hier gibt der Patient eine Sensibilitätsminderung im Radius von ca. 4 cm an. Kein Tremor, Lasegue und Babinski negativ. Reflexe im Seitenvergleich der oberen Extremitäten gut auslösbar. Patellarsehnenreflexe, Achillessehnenreflex nur rechts auslösbar. Herz: Blutdruck 120/70, Puls 80, rhythmisch, keine pathologischen Herztöne, keine pathologischen Ströumungsgeräusche. Lunge: vesikuläres Atmen über allen Lungenfeldern. Arterien: A. carotis, radialis, tibialis posterior im Seitenvergleich gut palpabel, A. dorsalis pedis nur rechts palpabel. Keine Strömungsgeräusche in den Carotiden. Keine gestauten Halsvenen, keine Varizen, keine Oedeme. Linkes Bein aufgrund Fraktur und OPEingriffen noch geschwollen, Knöchelumfang 33 cm unterhalb der Patella 30 cm Umfang. Abdomen: Leber nicht vergrössert, Milz nicht palpabel, Darmgeräusche in allen vier Quadranten gut vorhanden. Nierenlogen klopfindolent. Rektal- und Genitalbefund nicht erhoben. Spezielle Befunde: Kraftminderung im linken Oberschenkel.

Diagnosen
Motorradsturz am 15.09.02 mit (T02.9)
- distale intraartikuläre Femurfraktur, polyfragmentierter Patella und vorderem Kreuzbandriss links, initiale Versorgung mit Fixateur externe bis 03.10.2002. - Kondylen-Plattenosteosynthese mit Schraubenosteosynthese Patella am 19.09.02
- offene Fibulafraktur links, konservativ behandelt
- Defektwunde am Aussenknöchel mit Spalthautdeckung am 24.09.2002

Beurteilung, Therapie und Verlauf
Herr Waldvogel kam zur stationären muskuloskelettalen Rehabilitation nach distaler intraartikulärer Femurfraktur sowie offener Fibulafraktur links.
Anlässlich eines Motorradunfalles am 15.9.02 zog sich der Patient eine distale intraartikuläre Femurfraktur, Patellafraktur mit Kreuzbandriss sowie eine offene Fibulafraktur links zu. Nach Notfalleintritt ins Universitätsspital Zürich wurde die Fraktur mittels eines gelenksüberbrückenden Fixateur externe versorgt. Am 19.9.02 erfolgte dann die Implantation einer Kondylenplatte am linken Fernur. Die Defektwunde am Aussenknöchel wurde am 24.9.02 durch Spalthautdeckung behandelt. Am 3.10.02 konnte der Fixateur externe entfernt werden. Postoperativ bestanden starke Schmerzen sowie ein Sensibilitätsausfall im Bereich der linken Patella. Bei der vorliegenden schweren Traumatisierung sowie der daraus resultierenden Einschränkung der ADL-Selbstständigkeit erfolgte die Indikationsstellung zur stationären muskuloskelettalen Rehabilitation.
Bei Eintritt war der 31-jährige Patient in reduziertem Allgemeinzustand. Es bestanden reizlose Wundverhältnisse, jedoch eine ausgeprägte Schwellung. Die Kniegelenksbeweglichkeit lag bei Flexion/Extension passiv 40/0/0°. Der übrige internistische Status war unauffällig. Gemäss Procederevorgabe des Universitätsspitals Zürich wurde Herr Waldvogel unter Einhaltung einer Teilbelastung von 10 kg mobilisiert. Neben physiotherapeutischen Einzelmassnahmen wie Gehtraining und Treppensteigen nahm der Patient auch an Gruppenübungen teil und erhielt nach ausreichender Abheilung der Defektwunde am linken Knöchel auch Übungen im Wasser (Aquafit). Am 16. sowie am 31.10.02 haben wir Kontrollröntgenaufnahmen des linken Knies sowie des distalen Unterschenkels links durchgeführt. Diese wurden zur Beurteilung Herrn Prof. Trentz an der Klinik für Unfallchirurgie des Universitätsspitals Zürich zugesandt. Die Bilder zeigen korrekte Stellungsverhältnisse. Aufgrund des Schweregrades der Verletzung ist jedoch die Einhaltung einer Teilbelastung von 10 kg für weitere 6 Wochen, d.h. bis Mitte Dezember notwendig. Die Kniebeweglichkeit konnte durch die Therapien zwar auf 70/0/0° verbessert werden, eine weitere Forcierung war aber, bei endgradig hartem Anschlag auf Grund der Vorgabe noch nicht möglich. Da eine Steigerung der Belastbarkeit und Forcierung der Gelenkmobilisation bis Mitte Dezember nicht möglivh ist, haben wir Herrn Waldvogel bei erreichter ADL-Selbstständigkeit am 8.11.02 nach Hause entlassen. Zum Zeitpunkt des Austritts besteht noch eine geringe Erhöhung des CRP von 9 mg/l bei reizlosen lokalen Wundverhältnissen. Die Medikation mit Zinat sollte daher entsprechend bis zur Normalisierung des CRP's weitergeführt werden.

Medikamente bei Austritt
Dafalgan 50Omg (Tbl) 0-1-0-1
Tramal retard 15Omg (Tbl) 1-0-1-0
Vioxx 25mg (Tbl) 1-0-1-0
Pantozol 40mg (Tbl) 1-0-0-0
Zinat 250mg (Tbl) 1-0-0-1
Fraxiparine 0.6ml (Spritze) 1-0-0-0

Therapievorschlag
Wir empfehlen die Weiterführung der physiotherapeutischen Massnahmen im ambulanten Rahmen, eine erneute stationäre Rehabilitation wäre bei dem jungen Patienten nach Freigabe der Belastungslimite allenfalls zur weiteren Verbesserung der Knieflexion zu evaluieren. Zur schrittweisen Reduktion der Analgetika sowie zu laborchemischen Kontrollen wird sich Herr Waldvogel bei seiner Hausärztin melden. Ein Termin in der Sprechstunde der Klinik für Unfalichirurgie des Universitätspital Zürich wurde für den 17.12.2002 um 9 Uhr 30 vereinbart.

Laborbefunde
 WerteWerteNormalwerteEinheit
Hämatologie28.10.02   
Leukozyten5.4 4-10G/l
Erythrozyten4.3 4.5 - 5.7 / 4.0 - 5.2 T/l
Hb11.7 14-18/12-16g/dl
Hämatokrit37 40 - 54 / 37 - 47%
McV85 89-95µ3
MCH27 27-34pg
MCHC32 31-36g/dl
Neutrophile54.9 37.0-75.0%
Lymphozyten34.5 15.0-48.0%
Thromboz.327 150-400G/l
Chemie:28.10.02 6.11.02   
CRP209< 5mg/l

Röntgenbefunde
15.10.2002 distaler Femur apiseitlich:
Tunnelaufnahme bei St. n. distaler intraartikulärer Femurtrümmerfraktur in situ liegendes Osteosynthesematerial ohne Zeichen der Dislokation. Ein kleineres Schaftfragment ist adaptiert, die Frakturlinien noch deutlich abgrenzbar. In situ liegende Schraube im Bereich der Patella, die den Unterpol fixiert. Dort gut adaptierte Fragmentverhältnisse. Im Bereich des Ansatzes des vorderen Kreuzbandansatzes kalkdichtes Fragment bei bekannter Kreuzbandläsion. keine Änderung ggü der auswärtigen Voraufnahme vom 23.09.2002.Die Tunnelaufnahme ergibt keine neuen Aspekte.

31.10.2002 Linkes Knie apiseitlich und Patella axial 60°
In situ liegende Osteosynthese der distalen intraartikulären Femurtrümmerfraktur. Regelrechte Stellungsverhältnisse, keine Lockerungszeichen, auch kein wesentlicher ossärer Kallus sichtbar. Bilder werden zur Beurteilung und insbesondere Frage nach Belastungsaufbau dem Operateur zugesandt.

31.10.2002 Linker Unterschenkel inkl. OSG ap/seitl.
Status nach mehrfragmentärer distaler Fibulafraktur, teils ausgeprägter Substanz- Defekt vor allem der lateralen Corticalis. Ganz diskrete ossäre Kallusbildung teils sichtbar. OSG kongruent. Bilder werden dem Traumatologen zugesandt zwecks Frage nach Belastungsaufbau.




Austrittsbericht Physiotherapie
Nahziel: Herr Waldvogel kann problemlos mit 2 Unterarmgehstöcken im 3 Punktgang im/ausser Haus gehen und Treppe steigen unter Einhaltung der Teilbelastung. Die Schwellung im linken Bein ist reduziert.
Austrittsziel: Die Kniegelenksbeweglichkeit beträgt 90° und der Patient kann nach Hause entlassen werden.
Behandlungsschwerpunkte: Mobilisation der Flexion / Extension im linken Kniegelenk ¬ Patella- und Weichteilmobilisation ¬ Gangschule unter Einhaltung der Teilbelastung ¬ xdemreduktion mittels Lymphdrainage ¬ Instruktion eines Hausübungsprogrammes ¬ Kräftigung der oberen Extremität mittels MTT/OKE
Therapien: Bewegungstherapie 6 mal pro Woche ¬ Kniebewegungsschiene 2 mal täglich 6 mal pro Woche ¬ Oberkörperergometer (OKE) 6 mal pro Woche ¬ Lymphdrainage 5 mal pro Woche ¬ Wassergymnastik in der Gruppe 5 mal pro Woche ab ¬ Übungsgruppe 3 mal pro Woche ¬ Medizinische Trainingstherapie (MTT) 3 mal pro Woche

Befund vom 05.10.2002
Mobilität/Gehstrecke: Der Patient kann anamnestisch 20m am Eulenburger gehen.
ADL-Selbständigkeit: Er benötigt Hilfe im Bereich der unteren Extremitäten.
Beweglichkeit: Kniegelenk: Flexion/Extension links, aktiv 20/10/0°, passiv nur unwesentlich weiter aufgrund von Schmerzen und Abwehrspannung. Oberes Sprunggelenk, Plantarflexion/Dorsalxtension links aktiv 20/0/0°
Kraft: mindestens 3 (Muskelfunktionstest-MFT) gesamtes linkes Bein, aufgrund der Teilbelastung nicht weiter getestet
Schwellung: Das gesamte Bein ist ab Mitte Oberschenkel caudalwärts mässig geschwollen.
Schmerzen: Er hat vom Kniegelenk abwärts im gesamten linken Bein Intensität VAS 0-10:1,5-6) Schmerzen.
Diverses: Der Patient hat diverse Allergien, unter anderem gegen Kunstfasern.

Befund vom 07.11.2002
Mobilität/Gehstrecke: Der Patient kann mit Hilfe von 2 Unterarmgehstöcken ca. 1/2 Stunde indoor/outdoor gehen und problemlos Treppe steigen.
ADL-Selbständigkeit: Er benötigt keine Hilfe mehr beim An-/Ausziehen und ist selbständig bei der Hygiene.
Beweglichkeit: Kniegelenk: Flexion/Extension links, aktiv 70/0/0°, passiv nur unwesentlich weiter, aufgrund der Schmerzen, Oberes Sprunggelenk, Plantarflexion/Dorsalxtension links aktiv 20/0/10°
Kraft: dito siehe Eintritt
Schwellung: Die Schwellung konnte reduziert werden . Aufgrund der Allergie trägt der Patient keinen Stützstrumpf, sondern bandagiert sich selbständig.
Schmerzen: Sie konnten zum Teil im Bereich des Unterschenkels (vom Kniegelenk abwärts das gesamte linke Bein) reduziert werden, Intensität VAS 1-4.
Verlauf/Beurteilung: Da die Therapie durch das Procedere stark eingeschränkt war, richtete sich der Behandlungsschwerpunkt auf eine kontrollierte Kniegelenksmobilsation, Patella-/ Narbenmobilisation, Gangschule und die Lymphdrainage (inklusive Bandagierung). Das Ziel hinsichtlich der Kniebeweglichkeit konnte nicht erreicht werden, ossäre Gründe liegen laut ärztlicher Aussage nicht vor. Die weiteren Ziele sind erreicht worden. Um diese zu erhalten bzw. die bei 70° eingeschränkte Knieflexion weiter verbessern ist eine ambulante Physiotherapie indiziert und auch organisiert.
Therapieempfehlung: weitere Kniegelenks- / Patellamobilisation links ¬ Lymphdrainage je nach Verlauf ¬ Gangschule unter Einhalten der Teilbelastung.



Der Status Quo.
Am 15.11.2002 werde ich aus der Rehabilitationsklinik entlassen. Auf Grund der vom Operateur in Zürich angeordneten Verlängerung der 10kg-Belastungsphase um sechs Wochen wurde die Entlassung vorverschoben. 'Das Terapieziel für die Belastungslimite sei erreicht' teilte mir mein Rehabilitationsarzt mit. Dies heisst, dass ich zwar nach Hause kann, aber noch weitere sechs Wochen an Krücken gehen muss ohne das Bein zu belasten. Die Fortschritte in der Biegungsfähigkeit werden wohl auch langsamer vonstatten gehen.
Zurück in meiner lieben Wohnung, dann der Schock: alles ist schwer und mühsam, wenn man an Krücken gehen muss, einfachste Handgriffe wie ein Glas Wasser zum Esstisch tragen sind unmöglich oder schwierig. Alles dauert viel länger als sonst oder früher, Zeitung holen eine Mission, die Gehreichweite auf wenige Hundert Meter reduziert, ebenso die maximale Einsatzdauer, insbesondere wenn grössere Menschenansammlungen zu 'bewältigen' sind. Anziehen zum (Weg-) Gehen dauert, ich komme immer, überall und noch penetranter als zuvor, zu spät. Immerhin ist die Zahl der Termine sehr begrenzt.
Drei Mal wöchentlich erscheine ich in der in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen Physiopraxis zu Kaltwickel und einigen Biegungs- und Kräftigungsübungen. Daneben mehrmals täglich auf die mein Schlafzimmer verunstaltende Kniebiegemaschine, und erst noch mitdenken: biegenbiegenbiegenauabiegenbiegen - streckenstreckenstreckenstreckenstrecken... Dazu kommen Übungen, das Programm wächst und wächst, die letzte Seite in meinem Skizzenbuch ist gefüllt, anders kann ich mir unmöglich alles merken. Soweit die Theorie.
Die Praxis sieht anders aus: vom ersten Abend an beginnt sich mein Tag im Tag zu verschieben, was sehr bald dazu führt, dass ich morgens um sieben einzuschlafen beginne, und am späteren Nachmittag beim Eindunkeln aufstehe. Ein im höchsten Masse frustierender Lebenswandel, ich versuche früher einzuschlafen - unmöglich. Dann halt später und hinten rum, nach der ersten durchgemachten Nacht mit angehängtem Tag ohne Schlaf dann die wohlige Schlafnacht. Morgens aufstehen wie alle andern, das Leben hat mich wieder, Übungen, Knieschiene, Tee und Zeitung, etwas werkeln, Mittagessen, Physio usw, ein traumhafter Tag in der Stellung eines rehabilitierenden Vollzeitpatienten, das Bein hat auch schon Fortschritte gemacht, es fühlt sich wie eines meiner eigenen Körperteile an, Biegung passiv 90°, aktiv etwas weniger.
Doch leider bleibts bei der einen Nacht, wieder durchmachen, dann eine schlecht geschlafene Nacht, dann wieder durchmachen, dann wieder schlecht schlafen - die Lage wird ungemütlich. Unterwegs irgendwann das Tramal (Starkes Schmerzmittel, siehe Austrittsbericht) ausgegangen und abgesetzt, mit Ponstan ersetzt. Kann nicht mehr schlafen, die Nächte geprägt von Krämpfen, Frieren, Vollbädern, ausharren. Erhalte Schlafmittel, leider geben die mir nur die Nebenwirkungen, schlafen kann ich trotzdem nicht. Anderes Schlafmittel, kein Schlaf, nochmals anderes Mittel, immer noch nichts Schlaf, nur ein paar Stunden dösen. Bin total ausgelaugt, kann mich tagsüber kaum bewegen, alles ist wahnsinnig anstrengend, ich schleppe mich in der Wohnung herum, kaum noch raus, kein Krafttraining, kann nichts mehr arbeiten, nur noch warten auf den Abend und wieder versuchen endlich endlich zu schlafen.
Und dann am Sankt Nikolaustag endlich die Auflösung: mein Hausarzt teilt mir seine Vermutung mit: ich leide unter Entzugserscheinungen. Tramal ist ein Opioid, ein synthetisches Opiat, welches im Hirn am selben Rezeptor andockt wie Heroin, der Entzug äussert sich durch Frieren, Schlaflosigkeit, Schmerzen - ein schwacher aber doch recht kühler 'Cold Turkey', den ich da durchmachen muss. Wenigstens weiss ich nun, worum es geht, schon ein wesentlicher Fortschritt, aber erspart bleibt mir in dieser Sache schon wenig:
Unfall - Angst - Schmerzen - warten - Morphium - Operationen - Blut verloren - viel viel Schmerzmittel - Magen machts nicht mit - nichts essen - völlig auf die Krankenschwestern angewiesen sein - Dauerstress im Siebnerzimmer mit schreiendem Irren und pünktlicher hyperkommunikativer Rentnerehefrau - 3 Wochen auf dem Rücken liegen - selber aufs WC - Rollstuhl - viele Medikamente - viel Besuch - viel DVD geschaut - Transport nach Davos mit zwei Freunden in Ambulanz - Einsamkeit in der Reha - Umstellung - wenig Besuch - telefonieren - fernsehen - Probleme mit manisch depressivem Zimmernachbarn - falsche Hoffnungen - schlecht kommunizierende Oberärzte - gute Physiotherapeutinnen - gutes Pflegepersonal - langsame Fortschritte - Stagnation - es hat einen Steinway! - Frustration - Verzögerung - Aufenthaltsverlängerung - Heimkehr - Überforderung - Angewöhnung - schlechte Physiotherapeutin - eine Woche warten - gute Physiotherapeutin - verschobener Tagesrhythmus - kann Übungen nicht machen - Freinachtstrategie - schlafe drei mal in sechs Tagen - dann Opioid-Entzug - frieren - baden - einschlafen versuchen - Wärmeflasche - Wechselbäder - einschlafen versuchen - nicht durchdrehen versuchen - duschen - aufstehen - nicht zum Bett gehen - müde - Tag überstehen - abends was unternehmen - dann wieder einschlafen versuchen - frieren - Bettflasche usw...
und nun steht die schrittweise Entwöhnung vom Opioid an, hoffentlich verbunden mit besserem Schlafrhythmus (leider schreibe ich diese Zeilen um 04:49). Mehr davon später.
07.12.2002 01:59 - 04:49



Die Entwöhnung vom Tramal.
Diagramm Tramal Abbau
Logarithmische Darstellung des linearen, tropfenweisen Abbaus der tägichen Dosis über 10 Wochen.
02.01.2003 11:27