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NZZ vom 19. Juli 2005. Gespräche über die Schweiz «Bauen, nicht basteln» Christian Waldvogel und die Schweiz in 200 Jahren
von Markus Hofmann ![]() Kraft schöpfen, um Welten umzubauen: Christian Waldvogel im Zürcher Restaurant Italia. (Bild ruc.) Bekannt geworden ist Christian Waldvogel mit einer Utopie. Anstatt auf einem Planeten leben die Menschen in einer Hohlkugel, in der sie die Möglichkeit haben, nochmals von vorne zu beginnen. Ideen, die in dieser besseren Welt gelten, täten auch der Schweiz gut, meint Waldvogel: langfristiges Denken, Idealismus und Offenheit. hof. 2205 gibt es den Staat «Schweiz» nicht mehr. An seine Stelle ist «etwas anderes» getreten. Nicht die EU, auch diese wird in der heutigen Form nicht mehr existieren. Denn die Erde wird als ein sich selbst organisierender Organismus funktionieren. Man stellt sich die Welt in 200 Jahren am besten als ein Mobile vor: Ihre Teile können sich zwar unabhängig voneinander bewegen, doch ein Stabilisator sorgt für das Gleichgewicht. Ist die Uno diese stabilisierende Element? Vielleicht, sagt der Künstler und Architekt Christian Waldvogel, der als Treffpunkt ein italienisches Restaurant im quirligen Zürcher Kreis 4 gewählt hat. Sein Gedankenmodell will er nicht derart konkret verstanden wissen: «Wir Menschen stehen doch alle auf demselben Boden. Wieso sollten wir ein gemeinsames Dach haben? Wichtig ist, dass keine Gruppen mehr die Welt in Schieflage bringen können, wie dies heute der Fall ist.»
Langfristig denken
Waldvogel ist ein Weltenbauer. Oder besser: ein Weltenumbauer. An der internationalen Architekturbiennale vor einem Jahr in Venedig stellte er dem Publikum sein preisgekröntes Projekt «Globus Cassus» vor. Waldvogel lässt darin die Menschheit nochmals von vorne beginnen. Den Planeten Erde verwandelt er allmählich in eine Hohlkugel, die von den Menschen nach und nach bevölkert wird - und zwar auf der Ihnenseite. Schaut man dort in den «Himmel», sieht man in Tausenden von Kilometern Entfernung die Menschen, die an der gegenüberliegenden Seite der Kugel leben. Die Erde selbst wird zum Himmel, was auch heisst, dass die Menschen ihr Glück nicht im Himmel, sondern auf Erden suchen sollen. Ihnen wird ständig vor Augen geführt dass sie nicht alleine sind auf dieser Welt. Es fehlt ihnen an nichts. Alle sind beschäftigt, Rohstoffe sind für alle gleich gut zugänglich, die Grundbedürfnisse sind befriedigt, doch dies führt nicht zu einer gleichförmigen Gesellschaft, jeder ist frei, sein Leben so zu gestalten, wie er möchte. Sicher, dies ist «lediglich» eine Utopie. Doch hinter der Idee dieser besseren Welt versteckt sich nicht nur eine Kritik an der realen Weit. Dahinter stehen auch Prinzipien, welche die tägliche Politik leiten könnten. Eines der wichtigsten ist für Waldvogel die Langfristigkeit. «Wir müssen lernen, in viel längeren Zeiträumen zu denken, als wir das gewohnt sind», sagt er. Zurzeit übe die wirtschaftliche Sichtweise, die, von Quartalsabschlüssen gedrängt, vieles dem kurzfristigen Profit unterordne, einen zu starken Einfluss aus. Die Gewalten von Politik und Wirtschaft müssten wieder besser voneinander getrennt, ja «entkoppelt», werden. «Wir sollten auch nicht alles am Wachstum messen.» Einen wirtschaftlichen Stillstand, der oft diagnostiziert wird, fürchtet Waldvogel persönlich nicht. «Für mich als Künstler gehört es zum Alltag, nicht zu wissen, wie es im kommenden Monat weitergehen soll.»
Lebensfreudiger geworden
Mit Langfristigkeit hat auch eine weitere Überzeugung des ETH-Architekten zu tun, die er in einer Metapher ausdrückt: «Wir sollten nicht basteln, sondern bauen.» Basteln ist reaktiv, man eilt von Schaden zu Schaden, flickt und justiert da und dort. Darin drückt sich eine «negative Haltung» ans. Beim Bauen aber gibt man sich mit Blick in die Zukunft Mühe, du Gestaltete «so stark wie möglich» zu machen. Und darin verfüge die Schweiz über eine gute Tradition, sagt Waldvogel, und er denkt dabei an das Rote Kreuz, am die diplomatischen Guten Dienste und an die Entwicklungshilfe. Ideale wie diejenigen eines Henry Dunant müssten wieder an Gewicht gewinnen. «Geld ist nur ein Potenzial. Es erlaub uns zu überleben. Schaffen sollten wir aber weniger das Potenzial, sondern vielmehr das Reale, das Sinnvolle», sagt Waldvogel, der «hoffnungsfrohe Pessimist», wie er sich selbst bezeichnet. Die Schweiz sei ein sehr spannender Ort, um an der Welt zu bauen. Hier würden verschiedene Sprachen und Kulturen zusammengeführt, und die Schweiz habe sich in den letzten Jahren sehr verändert, vor alle. was die Lebensfreude betrifft «Die Schweiz ist flexibler geworden», sagt Waldvogel, der in den vergangenen Jahren in Italien und Schweden gelebt hat. Umso bedauerlicher sei die isolationistische Haltung, die er häufig antreffe «Man fühlt sich zwar als Zentrum Europas, doch mit dem, was sich ausserhalb der Grenzen abspielt, will man nichts zu tun haben.» Viele Schweizer hätten leider vergessen, dass die EU ein «grandioses Unternehmen» sei.
Das Übliche zu oft gut genug
Sieht Waldvogel die Entwicklung der Lebensfreude in der Schweiz auf gutem Wege, stört ihn das «blockierende Element», das sich dem Neuen entgegenstellt. «Das Übliche ist für uns zu oft gut genug.» Ein Beispiel: «Es leuchtet nicht ein, wieso das Chalet, ein artifizielles Produkt des 19. Jahrhunderts, für immer das ideale Alpenhaus bleiben soll.» Allgemein gesprochen: «Wir sollten offener werden gegenüber Weiterentwicklungen. Unser Blick in die Zukunft sollte ein positiver sein, das wäre mein Wunsch.» Der Konservatinismus sei zwar nachvollziehbar und habe auch durchaus seine Richtigkeit, doch gleichzeitig sei er bedauerlich, da er vielem im Weg stehe. Dies sehe man beim Heimatschutz: «Eigentlich müsste man gute Bauten schützen, nicht einzigartige. Nur weil etwas, einzigartig ist, muss es noch lange nicht von hoher Qualität sein», sagt Waldvogel. Und welche Aufgabe kommt dem utopischen Künstler in der realen Welt zu? «Der Künstler ist Seismograph und Kritiker, er versucht aber auch, Lösungsvorschläge aufzuzeigen», sagt Waldvogel. «Er muss Veränderungen spüren und sie in seinen Werken artikulieren. Der Künstler arbeitet wie ein Hofnarr. Diejenigen, die ihn ernähren, muss er kritisieren können. Und die Kritisierten müssen ihrerseits die Kritik aushalten können.» Als Hofnarr fühle er sich in der Schweiz sehr frei, sagt Waldvogel – frei, Welten (um) zu bauen.
Zur Person
hof. Christian Waldvogel wurde 1971 in den USA geboren. An der ETH Zürich und an der Rhode Island School of Design hat er Architektur studiert. Er ist zweifacher Träger des Eidgenössischen Preises für Kunst. Stipendien führten ihn an das Schweizer Institut in Rom und nach Stockholm. Im Jahr 2004 war er offizieller Schweizer Vertreter im der 9. Architekturbiennale in Venedig. Sein Buch «Globus Cassus» gewann an der Buchmesse Leipzig die Goldmedaille in der Kategorie «Schönste Bücher aus alter Welt». Waldvogel arbeitet auch als Musiker und Grafiker. Zurzeit lebt er in Zürich (www.waldvogel.com)
Gespräche zur Schweiz
P. S. Wie steht es um die Schweiz? Welche Perspektiven hat das Land, das sich zurzeit nicht nur gegenüber dem institutionell zusammenwachsenden EU-Europa herausgefordert sieht? Die NZZ diskutiert diese und andem Fragen zu Gegenwart und Zukunft der Eidgenossenschaft den Sommer über mit Persönlichkeiten, die sich auf bestimmten Gebieten profilieren der profiliert haben. Bisher erschienen: Thomas Straubhaar (12.7.).
© 2005 NZZ.
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Briefe an die NZZ, 8.8.05 «Utopien ohne Vision»
Das Gespräch mit dem Künstler Christian Waldvogel (NZZ 19. 7. 05) schien auf den ersten Blick vielversprechend. Einsichten in die Befindlichkeit der Schweiz durfte man sich erhoffen oder gar den Entwurf einer möglichen Zukunft! Nach der Lektüre bleibt indes leise Enttäuschung zurück. Antworten auf aktuelle Probleme des Landes bleibt der Interviewte ebenso schuldig wie konkrete Vorschläge, auf welche Weise sich seine allzu schönen Utopien realisieren liessen. Ob der hervorgestrichenen Vielseitigkeit scheint die Tiefe der Reflexion vergessen gegangen zu sein. So lässt Waldvogels nicht weiter erläutertes Verständnis von «hoher Qualität» bei der Beurteilung schützenswerter Bauten auf ein unhinterfragtes Geschmacksurteil schliessen, während die von ihm kritisierte «Einzigartigkeit» immerhin ein objektives Bewertungskriterium darstellt.
In gleicher Weise hält der Architekt dem Basteln das Bauen entgegen und damit, einmal mehr, die grosse Geste. Wer das vergangene Jahrhundert nicht naiv zur Kenntnis genommen hat, wird diesen Gesten mit kritischer Aufmerksamkeit begegnen. Unserer Ansicht nach findet sich Kreativität nicht im Ersinnen einer vage definierten, wenn auch verführerisch präsentierten Traumwelt, sondern vielmehr in jenem Basteln, für das Waldvogel so wenig übrig hat - im Basteln verstanden als profundes Sich-Hineindenken in eine gegebene Situation, um sie durch eigene Intervention subversiv zu unterlaufen, spielerisch in Frage zu stellen, provokativ zu karikieren. Bernadette Fülscher und Martino Stierli (Zürich) |