CWA: In einem klassischen Sinne beschreibt die Utopie ja eine 'bessere Welt', mit Betonung auf 'besser'. Welt im Sinne von allumfassend, inklusive der Gesellschaft. Die Lebenswelt und die Infrastruktur in der oder mit der wir leben ist architektonisch geformt. Beide zusammen bilden klassischerweise unser Lebenssystem. Man lebt in einer historisch gewachsenen Stadt mit einem mittelalterlichen Zentrum ganz anders als in einer geplanten Rasterstadt. Das Erscheinungsbild einer Stadt oder eines Lebensraumes gibt Aufschluss darüber, wie man in ihr lebt.
Die Utopie muss das Bild einer besseren Gesellschaft generieren, und aus diesem Grund muss auch dann die Stadt, in der sich diese Gesellschaft etabliert und entwickelt eine jeweils andere Erscheinungsform haben. [...]
Utopie beschreibt ja auch immer etwas Unerreichbares. Etwas das immer zwei Schritte vorausgeht und von dem man dann zurückbuchstabieren kann, um einen einzelnen Schritt weiter zu kommen.
UST: Gibt es für dich einen Zusammenhang zwischen dem Begriff der Modernisierung, deren Prinzipien unter anderem Industrialisierung, Urbanisierung und eine Zunahme an sozialer Mobilität, diversifiziertere und komplexere Berufstrukturen, Wohlstand, Alphabetisierung etc. sind und der Utopie?
CWA: [...] Modernisierung bedeutet für mich nicht nur zunehmende Urbanisierung, sondern vielmehr eine Zunahme der Ordnung. Ordnung wiederum ist sehr stark mit dem Fortschritt der Wahrnehmung verbunden.
Seit man den Begriff der Chaostheorie kennt, kann ja auch das Chaos eine Ordnung sein. Und somit könnte man die These wagen, dass es einen Zeitpunkt geben wird, wo man das Verhalten von Saharasand im Wind in einem Wald als Ordnung bezeichnen könnte und somit auch im Sinne der Definition von Modernisierung und eingehender Urbanisierung als ordnendes Prinzip gelesen werden könnte. Vielleicht werden wir einmal so komplex Wahrnehmen und Verstehen, dass wir um eine Ordnung zu empfinden nicht mehr ein rechtwinkliges Raster brauchen, sondern dass es viel komplexere Situationen sind, die eine Ordnungsgrundlage bedeuten könnten.[...] Der Fortschritt geht dahin, dass man mehr versteht, mehr einordnet, mehr Zusammenhänge erkennt und hier könnte man den Sprung in die Zukunft wagen: Was kommt, wenn wir alles wissen?
UST: 'Was kommt, wenn wir alles wissen?' Hier stellt sich bei mir die Frage, ob wir nicht schon zu viel wissen und in diesem vielen Wissen die Ursache dafür liegt, bestimmte Dinge nicht mehr zu tun oder sie zu unterlassen, weil man sich wenig oder nichts davon verspricht. Ich glaube, dieses viele Wissen das wir haben, auch über die komplexen gesellschaftlichen Zusammenhänge, begünstigt eine gewisse Form der Orientierungslosigkeit, auch in dem Sinne, dass es schwer ist Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. [...]
CWA: Ich denke, schlussendlich ist alles so komplex und vielfältig geworden, dass eigentlich niemand mehr das gesammelte Wissen in sich vereinen könnte. Die Zeiten der Universalgenies sind für immer vorbei. Deshalb gibt es nun auch Dienstleistungen, die darum buhlen, dieses Wissen, dass man nicht mehr aufnehmen kann, prägnant aufbereitet zu vermitteln, sei es beispielsweise durch Gratiszeitungen, Internet-Newsdienste oder käuflich erwerbbare Printerzeugnisse...
Schlussendlich mündet eines jeden persönliche Information in einem Glauben. Welcher Ernährungstheorie -und Analyse glaube ich jetzt und welche Ernährungsweise verspricht mir dann die bessere Zukunft? Und das ist dann wiederum die persönliche Zukunft. Wir wollen aber über die allgemeine Zukunft sprechen, oder?
[...]
UST: Ja. Natürlich wissen wir, dass unsere persönliche Zukunft auch davon abhängig ist, wie sich unsere gesamtgesellschaftliche Zukunft gestaltet. Vielleicht ist es auch ja auch so, dass man bestimmte Fehler gar nicht mehr macht; vielleicht ist auch eine gewisse Selbstverständlichkeit dadurch verlustig gegangen, Dinge einfach zu tun, Fehler zu machen...vieles scheint einfach vorweggenommen.
CWA: ...entgegen besseren Wissens.
Hier ist jetzt eine Definition vonnöten. Nämlich die, dass die persönliche Zukunft und die Summe aller persönlichen Zukünfte nicht in einer Utopie münden. Denn die Utopie ist immer ein Schritt weiter. Man kann nicht etwas Utopisches entwerfen, in der Hoffnung die Annäherung an die Utopie in einem bestimmten Masse noch miterleben zu können.
UST: Aber hast du nicht auch den Eindruck, dass eine Utopie die gröbste Form an Orientierung gebiert?
Ich meine, Zukunftsüberlegungen und Zukunftsbedenken das gibt es ja schon. Und zwar sehr fragmentarisch in einigen Bereichen. Utopie aber, denkt man beispielsweise an die 60er Jahre, wo der Glaube an eine gerechte und bessere Welt im Vordergrund stand und sich jeder Einzelne als Teil einer Gemeinschaft betrachten konnte, der man dient, die aber auch gleichsam Sorge für einen trägt... Mir scheint, dass die Utopie nicht nur die gröbste, sondern auch die kräftigste und magnetischste Form der Zukunftsorientierung ist.
CWA: Meinst du grob im Sinne von unscharf, körnig?
UST: Hm, ich denke die Utopie trifft sozusagen den Nagel am schmerzhaftesten und konkretesten auf den Kopf und bahnt gleichsam damit den Weg.
CWA: Du betrachtest das eigentlich so, dass der Weg zu dem Zustand, den die Utopie beschreibt Teil der Utopie sein muss. Ich denke hier ist wahrscheinlich aber auch der Knackpunkt, warum es nur noch wenige Utopien gibt.
Der Weg darf meiner Ansicht nach nicht so wichtig sein. Die Utopie muss zwei Schritte voraus sein, der Weg dorthin muss sekundär bleiben. Denn der Weg führt immer nur zu einer Vorstufe der Utopie. [...]
Deshalb glaube ich, dass man sagen müsste, dass die Utopie per se nicht etwas Verwirklichbares ist, weil sie auf eine Idee reduziert ist, die ähnlich einem Konzeptpapier funktioniert und gerade einmal eine Stossrichtung vorgibt oder vielleicht auch nur eine Hoffnung schürt.
Das christliche Paradies könnte in diesem Sinne ja auch etwas Utopisches haben; man hofft und glaubt zu wissen, wie man dahin gelangen kann. Der Weg den man jedoch dorthin beschreitet kann sehr verschieden sein, genau wie es auch verschiedenste Paradiesvorstellungen gibt.
UST: Scheinbar ist die Utopie nichts Sachliches, vielleicht ist sie etwas Romantisches...Was auch immer darunter verstehen mag, die Frage ist doch, ob die Utopie nicht von ausserordentlicher Wichtigkeit sein könnte, es geht ja um die Ausrichtung unseres Lebens. Auch ganz unabhängig davon, dass einige Utopien gescheitert sind.
CWA: Unbedingt ist sie das...
UST: Was macht aber nun eine Gesellschaft, wenn sie nicht mehr den Wagemut hat, Utopien zu artikulieren? Du bist ja wahrscheinlich einer der wenigen, die sich getrauen eine Utopie zu artikulieren. Mit welcher Vorstellung tust du dies?
CWA: Es gibt zwei verschiedene Aspekte darin, die mich umtreiben. Zum einen interessiert es mich und zum anderen bereitet es mir Freude, wenn ich mir vorstelle, wie es sein könnte oder wie es besser sein könnte. Es ist zudem auch ein Weg sich von gegebenen Zwängen zu befreien.
Ich möchte mir beispielsweise ein Haus vorstellen können, ohne dass mir jemand eine Kostenrechnung dafür liefert. Zum anderen denke ich, dass ich als Teil der Gesellschaft eine Verantwortung habe und diese lässt sich am besten tragen, wenn ich genau das tue was ich am Besten.
Ein Fernziel meiner Arbeit ist es schon, Vorstellungen zu erarbeiten, die ganz eng mit dem Wunsch zu tun haben, in einer gerechten und besseren Welt zu leben.
UST: Leben wir denn nicht schon besser? Heisst besseres Leben, ganz unabhängig utopischer Kategorien, immer weiter gehen zu müssen oder kann es auch heissen, irgendwann einen Zustand erreichen zu können, in dem man sich wohl fühlt, zufrieden ist und sich aufgehoben fühlt?
CWA: Es geht mir nicht darum, die Segnungen der sogenannten ersten Welt in die ganze Welt zu tragen. Aber Kriege beispielsweise sollten mittlerweile nicht mehr nötig sein. Es gibt Systemfehler, die einfach nicht sein müssen. Es sollte uns darum gehen, Unzufriedenheiten auszumerzen und Werte zu schaffen, die keine weiteren Unzufriedenheiten mehr entstehen lassen.
UST: Ich frage mich, inwiefern der Einsatz unseres Wissen, unserer Erkenntnisse technisch und wissenschaftlich gesehen von Bedeutung sein können, um feststellen zu können, wie eine Gesellschaft leben möchte. Was mich an deinem Projekt verwundert ist, dass sich dein Zukunftsdenken sehr eng an die Stadt bindet, was wahrscheinlich auch unabwendbar ist. Die Stadt ist für mich aber einer der Orte, an dem die Menschen mit so viel unliebsamen und unerfreulichen Dingen und Zwängen konfrontiert werden. [...]
CWA: Eine Stadt sollte unterschiedlichsten Bedürfnissen gerecht werden können. Bedürfnisse sind aber auch stark von den jeweiligen Religionen und Kulturen abhängig. Die islamische Stadt muss sich von einer christlichen Stadt unterscheiden können, eine kapitalistische Stadt sollte sich von einer sozialistischen Stadt unterscheiden.
Grundsätzlich ist die Stadt das Abbild dessen, was in ihr passiert. Und eigentlich sollte mit den Städten genau das Gegenteil dessen passieren, was momentan geschieht-Die Uniformisierung ist in vollem Gange, ganz nach einem amerikanischen Stadt-Vorbild. [...]
UST: [...] Nach welchen Regeln konstituiert sich eine Stadt oder nach welchen sollte sie sich zukünftig konstituieren?
CWA: Alles entwickelt sich innerhalb bestimmter Regelwerke, seien es physikalische Grundregeln wie die Gravitation oder die für jede Gesellschaft entwickelten Regeln. Was aber genau innerhalb dieser Regelwerke stattfindet, ist jedoch nicht regelbar.
Wenn man sich in die Zukunft zu versetzen versucht, stellt sich ja auch die Frage, in welche Zukunft man schauen möchte; in eine Nahe oder eine Ferne, in eine auf Stimmung oder Fakten fokussierte. Es gibt unvorstellbare Ereigniskombinationen, Unvorhersehbarkeiten, deshalb geschieht das Entwickeln von Regeln wahrscheinlich retrospektiv. [...]
Eine Utopie, die ja in einer ferner Zukunft liegt und in einem gewissen Sinne auch etwas sehr persönliches ist, beschreibt meines Erachtens nach eher einen Zustand als ein Regelwerk.
UST: Ich finde es schon ein bisschen verrückt, dass auch ganz unabhängig utopischen Denkens Zukunftsdenken verlustig gegangen zu sein scheint. Was glaubst du woran das liegen könnte?
CWA: Ich vermute, dies liegt an der Fülle der Informationen und daran, dass wir sehr stark damit beschäftigt sind, diese zu verarbeiten, um mit ihnen auch einen Umgang zu entwickeln. All die tagtäglich auf uns niederprasselnden Informationen werfen unzählige Fragen auf. Was kann man tun, was soll man nicht tun? -Vielleicht ist es diese Informationsfülle, die das Zukunftsbedenken erstickt, die das ganz persönliche, und auch das gesellschaftliche Bedenken der Zukunft unwichtig macht.
Die Gesellschaft ist immer ein Stück weit als ein Korsett zu begreifen, denn das Sichern der Grundlebensbedürfnisse und das Erfüllen der gesellschaftlichen Zwänge im Sinne von Statussymbolen ist extrem aufwendig, zumal unsere Gesellschaft sehr individualistisch und wahrscheinlich auch egoistisch fokussiert ist.
Das Individuum und sein persönliches Schicksal stehen nun einmal sehr stark im Gesellschaftszentrum. Aber auf Grund eines tatsächlich individuellen Wunsches kann aber nun mal keine Utopie entstehen.
[...]
UST: [...] Wie wollen wir leben... Wie geht man an die Beantwortung einer solchen Frage?
CWA: Von Geburt an ist man in ein System eingebetet, man wächst heran und der ganze Prozess, den jeder Einzelne durchläuft, ist darauf ausgerichtet, zu lernen dieses System zu verstehen. Mit der Zeit lernt man dann auch mit diesem System zu spielen. Und dies ist ein zentraler Punkt unseres Erwachsenenlebens: die Fähigkeit, Systemzusammenhänge zu verstehen und zu extrapolieren. Wesentlich dabei ist das Verständnis von Gegenwart (Wie ist etwas") und Vergangenheit (Wie wurde etwas schon gemacht?").
Die Zukunft ist die Extrapolation der Zeit im Hinblick auf die Frage: Wie könnte sich etwas entwickeln?
Eine andere Möglichkeit Zukunft zu bedenken neben der Extrapolation ist die Utopie, die Neudenkung von Zuständen und Systemen, sie ist für mich auch spannender. Es sollte uns ja nicht vordergründig darum gehen, wie Börsenhändler Währungskurse zuverlässig zu prognostizieren, sondern effektiv Änderungen zu erahnen. [...]
UST: Kommen wir auf die Kunst zu sprechen. Die Kunst ist meiner Ansicht nach schon immer ein Ort gewesen an dem sich ein Bedenken der Zukunft sehr stark gebunden hat, von hier aus wurden Wege beschreiben. Ist dies auch in der heutigen Kunst der Fall?
CWA: Ich vermisse in der Kunst in einem gewissen Masse das Vorhandensein grundlegender ideologischer, sozialer oder ökonomischer Vorstellungen oder Gedankengutes.
Wenn Kunst für die Ausrichtung des Lebens von Bedeutung war und weiterhin auch sein soll, muss dies meiner Ansicht nach immer damit verbunden sein, ein bestimmtes Gedankengut zu transportieren. Mir kommt in diesem Zusammenhang Adornos Ausspruch der Selbstläufigkeit der Kunst in den Sinn. In einem gewissen Masse empfinde ich viele Exponate heutiger Kunst in dieser Weise.
Andererseits stellt sich mir aber auch die Frage, ob es denn tatsächlich Aufgabe der Kunst ist oder sein soll, ideologische Vorstellungen oder ideologisches Gedankengut innerhalb der Gesellschaften zu transportieren? Das ist für mich schwer zu beantworten. [...]
UST: [...]
Was glaubst du, welche Aspekte des Lebens sind ganz allgemein für die Ausrichtung unseres Lebens von Bedeutung?
CWA: Was gehört in die Zukunft-Ist das die Frage die du stellst?
UST: Ja.
CWA: Ich denke man müsste das Urmenschlichste herausdestillieren... Ich würde meinen, man sollte den Versuch wagen, ein Gesellschaftsbild zu entwerfen, das frei jeglicher Sekundärzwänge bestehen könnte. Dies müsste natürlich in einem Prozess des Ableitens und Angleichens von Zuständen und zukünftiger Vorstellungen geschehen. Ich denke eine jede Gesellschaft ist doch bestrebt, einer Idealvorstellung von Gesellschaft zu folgen, die natürlich auch immer innerhalb des bestehenden Regelwerkes funktionieren kann. [...]
Idealvorstellung heisst natürlich auch, die Deckung der grundlegendsten Bedürfnisse der Menschen garantieren zu können.
[...]
UST: Kann es sein, dass Zukunftsdenken auch etwas mit dem Wunsch zu tun hat, Spuren zu hinterlassen?
CWA: Ich denke eine persönliche Spurenlegung ist bei dem Anliegen Zukunft bedenken zu wollen nicht von Wichtigkeit.
Wesentlicher scheint mir die gesellschaftliche Hinterlassenschaft, also die Spur die man verfolgen kann und weiterführen könnte...Es ist ja nicht die Person Karl Marx von Wichtigkeit, sondern das Werk und dessen gesellschaftliche Bedeutung haben Spuren hinterlassen.
UST: Was könnte noch von Bedeutung sein, geht es um die Zukunft?
CWA: Wir haben noch nicht über die Zeit gesprochen und die Zeit ist ja das Substrat in dem Zukunft sich ereignet, wie auch die Vergangenheit und die Gegenwart.
Das zweite wichtige Stichwort diesbezüglich ist die Wahrnehmung von Zeit. Denn die Wahrnehmung der Zeit geschieht ja mit den gleichen Organen wie die Wahrnehmung von Raum oder Temperatur. Ich glaube, das es möglich sein kann, dass der Mensch die Zeit auf eine andere Weise wahrnehmen könnte, nicht nur sequentiell sondern auch räumlich.
UST: Wie würde das ausschauen?
CWA: Die Griechen kannten die Perspektive nicht, haben die Welt deshalb anders wahrgenommen als wir. Sie hätten die das auf den drei Raumrichtungen X, Y und Z aufbauende Raumverständnis und die Vektorgemetrie nicht erfinden können. Draus lässt sich ableiten, dass eine spezifische Wahrnehmung das Verständnis der der Materie zugrundeliegenden Mechanismen voraussetzt.
Wenn es sich durchsetzen könnte, die Zeit räumlich wahrzunehmen, als Raumdimension, ähnlich wie sich auch einmal die Perspektive als eine räumliche Wahrnehmung durchgesetzt hat, dann wäre die Wahrnehmung von Zukunft natürlich etwas ganz anderes. Die Zukunft wäre sozusagen einige Meter weiter vorne und somit einsichtbar. [...]
Diese neuartige Wahrnehmung der Zeit sollte ein Etappenziel der menschlichen Evolution sein.
UST: Verstehe ich Dich richtig: Das sequentielle Zeitempfinden würde um das räumliche Wahrnehmen von Zeit ergänzt?
CWA: Ja.
UST: Wenn man eine Lustreise in die Zukunft unternehmen würde, quasi eine Reise in die Zukunft aus Neugier, Interesse oder Lust-Wie würde eine solche Reise bei Dir ausschauen?
Genauer gesagt: Wenn Du in die Zukunft schaust, wie sollte diese für Dich ausschauen?
CWA: Ich befürchte meine Wünsche für eine Zukunft wären sehr naiv, ganz einfach: Gerechtigkeit, Egalitarismus. Persönliche Zukunftswünsche? Die sind so naiv wie harmlos...
UST: Warum sagt ein jeder, derlei Wünsche wären naiv?
CWA: [...] Stellen wir uns doch einmal vor, ich würde am Computer sitzen und das für mich ideale Bild einer Zukunft entwerfen. Gehe ich dann später auf die Strasse und ein Junkie will mir Kokain verkaufen, begrüsst mich doch ganz direkt die Realität.
Hier wird einem bewusst, wie weit entfernt wir von einer besseren Welt sind. Deshalb meine ich ja auch, dass die Utopie nur einen Zustand beschreiben kann, aber nicht einen Weg. Den Weg müssen andere beschreiben.
Wir können ja einmal diskutieren, wieviel und was es für einen Turnschuh braucht... Das übersteigt doch unser Fassungsvermögen bei weitem, obschon der Turnschuh ein ganz simples Ding ist. In der letzten Konsequenz kann sich kaum jemand vorstellen wie er entsteht und was für Vorleistungen wie beispielsweise die Erfindung des Gummigusses dafür notwendig sind. Und noch viel weniger kann man sich vorstellen, wie man effektiv eine Welt, wie wir sie uns idealisiert vorstellen, transformieren könnte. Das übersteigt doch unsere Möglichkeiten!
Deshalb scheint es mir auch wesentlich, einen Zustand zu artikulieren, dem man sich dann Millimeter für Millimeter nähern kann. Das bedarf natürlich einer gewissen Einsicht.
UST: [...] Ich denke Zukunft hat unbedingt mit auch folgendem zu tun: Globalisierung, Modernisierung, Perfektion, Individualität und Wissen. Wie siehst du das?
CWA: Mir scheint, dass vorerst die Globalisierung ein wenig separiert werden müsste, denn sie ist die wohl zeitlich jüngste Strömung innerhalb der Aufzählung.
Das Wissen war schon immer zentral für das Thema der Zukunft und von wesentlicher Bedeutung. Auch die Modernisierung ist schon immer ein zentrales Thema der Zukunft gewesen, man müsste jedoch Modernisierung" genauer definieren. Hat beispielsweise auch die Erbauung der Wasserversorgung im alten Rom etwas mit Modernisierung zu tun?
Die Perfektion ist natürlich auch sehr bedeutsam, die Massstäbe ändern sich halt immer wieder, eine perfekte Römerstrasse wäre in unserem Verständnis eine Holperpiste.
Die Individualität ist etwas sehr Abendländisches. In Japan beispielsweise spielt die Individualität eine ganz andere, viel untergeordnetere Rolle als hier bei uns.
Man kann der Zukunft ja optimistisch und pessimistisch entgegentreten, ich tendiere dazu, guten Mutes in die Zukunft zu blicken, aber vielleicht ist der Mensch auch nicht dermassen wichtig im Ganzen. Die Probleme die auf uns zukommen werden scheinen lösbar, und vielleicht verkraftet der Planet Erde auch unsere Zerstörungswut-hier kommt mir gerade der Gedanke eines befreundeten Geologen in den Sinn. Er meinte einmal, dass der Mensch geologisch betrachtet ein sehr gutes Leitfossil sein wird. Ein Leitfossil ist eine Lebensform, die für bestimmte geologisch kurze Zeitabschnitte sehr charakteristisch ist und anhand deren Vorkommen man das Alter einer bestimmten Gesteinschicht bestimmen kann. In geologischen Zeitrahmen gedacht ist die Menschheit ja von untergeordneter Bedeutung.
UST: Zum Abschluss kommen wir noch einmal auf die Kunst zurück. Spielt sie nun in einem Nachdenken über die Zukunft eine Rolle?
CWA: Absolut! Die Kunst ist doch die Disziplin, die sich alle Freiheiten der Welt nehmen kann. Dies gilt besonders für die Kunst, die nicht stark im Kunstmarkt verankert ist.
Etwas habe ich vorhin noch nicht gesagt: Vielleicht ist die partielle Einbettung der Kunst in die Gesetzmässigkeiten der Ökonomie auch der Grund dafür, dass in der Kunst heute seltener eine Auseinandersetzung mit der Zukunft stattfindet.
Kunst ist in ihrem Charakter gleichzusetzen mit der Wissenschaft. Beides sind Disziplinen, die die Entwicklung der Menschheit vorantreiben.
Meines Erachtens gehen die Wissenschaften und die Kunst Hand in Hand, wobei natürlich die Rahmenbedingungen jeweils andere sind. Häufig beschreiben sie aber das Gleiche. Nehmen wir die Art brut und die Psychologie: Zwei sehr verschiedenene Medien, die versuchen, etwas sehr Ähnliches zu beschreiben. Und dann werden durch die Wissenschaften neue Materialien verfügbar, die dann auch in der Kunst zur Anwendung kommen. Ohne die Entdeckung von Fiberglas und des Polyesterharz wäre die Kunst von Nicky de Saint-Phalle nicht möglich gewesen. Deshalb denke ich, dass die Entwicklung der Kunst und der Fortgang der Wissenschaften sich beidseitig bedingen und beide auch weiter bestehen werden.
Die Zukunftsvorstellungen, die ein Künstler artikuliert, beruhen wahrscheinlich auf Gefühlen und Assoziationen, sind meist keine verbalen Äusserungen. Kunst kann, da nicht zwingend sprachgebunden, ortsunabhängig verstanden werden; in China genauso wie in Afrika. Sie ist eine vermittelnde Kraft, die die Menschheit tatsächlich weiterbringen kann.
Der Ausdruck von unmittelbar menschlichen Dingen wird immer von Bedeutung sein, beispielsweise die Darstellungen von Mythen, von Geburt, Fruchtbarkeit und Tod in Gleichnissen oder Allegorien usw
Die Mythen stehen oft für Verhaltensweisen oder aber sie erinnern an Ereignisse. Und dadurch werden sie auch immer einen Einfluss auf die Gestaltung der Zukunft haben.
UST: Auf was können wir verzichten?
CWA: Hass.
UST: Meinst du Hass inklusive Neid und Missgunst?
CWA: Ja. Das könnte man gut so ausgeweitet formulieren, man könnte auch den Machthunger mit reinnehmen.
Ich habe jetzt nicht Geld gesagt, denn dann kommt natürlich die Frage: Was passiert, wenn es kein Geld mehr geben würde. Das ist mir zu schwierig.
Hass ist ein Gefühl; ein Gefühl ist grundsätzlich eine Handlungsgrundlage und Handlungsgrundlagen bestimmen unsere Zukunft.
Zum Schluss noch: Es wäre spannend, dieses Gespräch bezüglich der Zukunftsproblematik mit jemanden zu führen, der einer anderen Religion entstammt.
Ich habe den Verdacht, dass die religiösen Eingebundenheiten und Zusammenhänge stark die Art und Weise der Weltwahrnehmung beeinflussen. Schau Dir nur meine Antwort auf Deine letzte Frage an; nach Hass, Missgunst und Neid kommt dann die Nächstenliebe und damit wäre man bei der Bibel, oder?
UST: Christian, ich danke dir vielmal für dieses Gespräch.